Kunden scannen, wiegen, packen, bezahlen. Sie tun das an 38.650 Selbstbedienungskassen im deutschen Einzelhandel – zum vollen Preis.
Die Zahl hat sich laut EHI Retail Institute seit 2023 mehr als verdoppelt. Jede 18. Kasse in Deutschland ist inzwischen eine ohne Personal dahinter.
Wer die Arbeit des Marktes übernimmt, bekommt dafür: nichts. Eine Recherche und Analyse von supermarkt-nachrichten.de.
Wie viel spart der Handel durch SB-Kassen wirklich?
Was eine Kassenstelle den Markt kostet
Ein Kassierer im Lebensmitteleinzelhandel verdient durchschnittlich 2.500 Euro brutto im Monat. Mit Arbeitgeberanteilen liegt eine Vollzeitstelle bei rund 3.250 Euro.
An einer SB-Kassen-Insel überwacht ein einzelner Mitarbeiter vier bis sechs Terminals gleichzeitig. Das reduziert den Personalbedarf laut Branchenstudien um bis zu 30 Prozent.
Die Hochrechnung für den Lebensmittelhandel
Allein im LEH stehen in 6.240 Märkten durchschnittlich knapp vier SB-Kassen. Hochgerechnet auf die eingesparten Kassenstunden ergibt das ein Einsparungspotenzial im dreistelligen Millionenbereich pro Jahr.
Aber diese Zahl steht nur auf einer Seite der Bilanz. Die Gegenrechnung fehlt in jeder Pressemitteilung.
Warum die SB-Kasse kein Sparautomat ist
Ein stationäres Self-Checkout-Terminal kostet in der Anschaffung einen mittleren bis hohen fünfstelligen Betrag. Komplexere Systeme mit Kameratechnik und Analysesoftware liegen im sechsstelligen Bereich.
Dazu kommen Wartung, Software-Updates, Support. Und dann ist da der Schwund: Das EHI geht davon aus, dass die Diebstahlrate an SB-Kassen 20 bis 30 Prozent über jener an bedienten Kassen liegt.
Wie teuer kommt der Diebstahl an SB-Kassen den Verbraucher?
Die Zahlen aus der EHI-Inventurstudie
Die Inventurverluste im deutschen Einzelhandel lagen 2024 bei 4,95 Milliarden Euro. Davon gehen 2,95 Milliarden auf Kundendiebstahl zurück.
98 Prozent aller Diebstähle werden nicht erkannt. Das entspricht geschätzten 24,5 Millionen unbemerkten Fällen pro Jahr.
7,3 Milliarden Euro – und wer sie bezahlt
Zusammen mit den Kosten für Prävention – Kameras, KI-Überwachung, elektronische Ausgangssperren – ergeben sich laut EHI Gesamtkosten von 7,3 Milliarden Euro. Die schlagen sich mit rund 1,5 Prozent auf die Verkaufspreise nieder.
Wer an der SB-Kasse steht, arbeitet also nicht nur unbezahlt. Er finanziert über den Regalpreis auch die Diebstahlverluste mit, die genau diese Kassenform begünstigt.
Warum gibt es keinen SB-Kassen-Rabatt im Supermarkt?
Das offizielle Argument der Branche
Die Händler sagen: SB-Kassen ersetzen kein Personal, sondern sind ein ergänzendes Serviceangebot. Das EHI schreibt in seiner Händlerbefragung: Die Befürchtung eines Personalabbaus habe sich bei keinem Unternehmen bestätigt.
Gleichzeitig wächst die Zahl der Terminals doppelt so schnell wie die der Mitarbeiter im Lebensmittelhandel. Beide Aussagen gleichzeitig können nicht stimmen.
Die ehrliche Antwort
Ein Rabatt würde die ohnehin schmale Marge weiter drücken. Die SB-Kasse spart dem Handel weniger als gedacht – und ein Preisnachlass würde das sichtbar machen.
Das Modell rechnet sich für den Handel nur, solange der Kunde die Arbeit übernimmt, ohne etwas dafür zu verlangen. Genau das passiert gerade: Kunden machen mit, weil die Alternative die lange Schlange ist.
Wie lösen andere Länder das SB-Kassen-Problem?
USA: Walmart und Costco rudern zurück
In den USA fahren Walmart und Costco ihre Self-Checkout-Bereiche zurück. Walmart schließt SB-Kassen in einzelnen Filialen, reserviert andere exklusiv für Mitglieder seines Bezahlprogramms.
Der Grund: ein 90-prozentiger Anstieg bei Shoplifting-Verlusten zwischen 2019 und 2023, den der US-Handelsverband NRF dokumentiert hat. Costco stellt wieder mehr Personal an die Terminals.
Niederlande: Albert Heijn macht es zum Tauschgeschäft
In den Niederlanden geht Albert Heijn den umgekehrten Weg. Dort ist Self-Scanning eng mit der Kundenkarte verknüpft.
Wer selbst scannt, bekommt über die Bonuskaart personalisierte Rabatte. Die SB-Kasse ist dort kein Spardiktat – sie ist ein Deal: Daten gegen Preisvorteile.
Was müsste sich im deutschen Supermarkt ändern?
Drei Ansätze, die realistisch wären
Ein pauschaler SB-Kassen-Rabatt im Supermarkt wäre weder machbar noch sinnvoll. Die Einsparungen pro Einkauf sind zu gering, die Gegenkosten durch Diebstahl zu hoch.
Aber das Grundproblem bleibt: Der Handel verlagert Arbeit, ohne dafür zu entschädigen. Denkbar wären:
- Zeitvorteil sichtbar machen. Wenn die SB-Kasse schneller ist als die bediente Kasse, ist das der Gegenwert. Dann muss der Handel aber dafür sorgen, dass sie auch schneller ist – nicht nur billiger für ihn.
- Kopplung an Kundenprogramme. Das Albert-Heijn-Modell: Wer selbst scannt, sammelt Punkte oder bekommt App-exklusive Angebote. Netto und Lidl bieten das in Deutschland bereits an – aber nicht an den Self-Checkout geknüpft.
- Transparenz über die Kostenstruktur. Solange Händler behaupten, SB-Kassen würden kein Personal ersetzen, während sie bediente Kassen abbauen, wächst das Misstrauen.
Warum die Debatte gerade jetzt eskaliert
2019 standen in Deutschland 903 Geschäfte mit Self-Checkout. 2023 waren es 4.270. 2025 sind es über 10.300 – eine Verelffachung in sechs Jahren.
Gleichzeitig steigen die Lebensmittelpreise, gleichzeitig wächst der Druck aufs Haushaltsbudget. Die SB-Kasse ist zum Symbol geworden: Sie macht sichtbar, wie der Handel Kosten verschiebt, ohne darüber zu reden. Manche Kunden verärgert das.
Verwendete Quellen
- Eigene Berechnung: Hochrechnung Personalkostenersparnis auf Basis EHI-Marktdaten und Tarifgehältern im Einzelhandel
- EHI Retail Institute: Markterhebung Self-Checkout 2025 – self-checkout-initiative.de
- EHI Retail Institute: Studie Inventurdifferenzen 2025 – ehi.org
- EHI Retail Institute: Pressemeldung SB-Kassen – ehi.org
- Lebensmittelpraxis: Selfcheckout boomt – lebensmittelpraxis.de
- ZDF heute: Händler verteidigen SB-Kassen-Boom – zdfheute.de
- CBS News: Walmart, Costco rethink self-checkout – cbsnews.com
- Handelsdaten.de: Inventurdifferenzen im deutschen Einzelhandel – handelsdaten.de
Zur weiteren Lektüre
- SB-Kassen: Wie der Self-Checkout im Supermarkt funktioniert
- SB-Kassen im Supermarkt: Studie zeigt, wie schwer sich Diebstahl nachweisen lässt
- Mehr Diebstähle an SB-Kassen im Supermarkt? Das sagen Rewe, Edeka, Lidl und Kaufland
- Diebstahl an Selbstbedienungskassen im Supermarkt: Wann es richtig teuer wird
