Fast täglich erscheint auf lebensmittelwarnung.de eine neue Rückrufmeldung. 291 Lebensmittelrückrufe hat das amtliche Portal des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) allein im Jahr 2025 veröffentlicht – so viele wie selten zuvor.
Doch was ist mit den Eigenmarken? supermarkt-nachrichten.de hat für Sie recherchiert.
Wie häufig sind Eigenmarken betroffen?
Eine amtlich verifizierte Aufschlüsselung der Rückrufe nach Eigenmarken versus Herstellermarken gibt es in Deutschland nicht – das BVL-Portal führt Produktkategorien, aber keine Vertriebslinien. Was sich aus der Struktur des deutschen Lebensmittelmarktes ableiten lässt, ist dennoch erheblich.
Eigenmarken von Aldi, Lidl, Rewe, Edeka und Kaufland kommen laut McKinsey-Studie „State of Grocery 2025″ auf einen Marktanteil von 36,2 Prozent am Gesamtumsatz im Lebensmitteleinzelhandel – ein neues Rekordhoch.
Mengenmäßig liegt der Anteil nach Schätzungen des Kompetenznetzwerks Handel sogar bei 46 Prozent. Das bedeutet: Nahezu jedes zweite Lebensmittel, das deutsche Verbraucher kaufen, trägt keinen Markennamen, sondern das Label eines Supermarkts oder Discounters.
Wer fast die Hälfte der Supermarktregale füllt, taucht bei Rückrufen häufiger auf
Daraus folgt arithmetisch: Bei 291 Lebensmittelrückrufen im Jahr 2025 wären proportional zum Marktanteil rechnerisch rund 105 Eigenmarken-Rückrufe zu erwarten – allein auf Basis des wertmäßigen Anteils von 36,2 Prozent. Nimmt man den mengenmäßigen Anteil von 46 Prozent als Grundlage, steigt die rechnerische Erwartungsgröße auf rund 134 Rückrufe.
Das BVL-Portal schlüsselt nicht nach Vertriebslinie auf, deshalb lässt sich nicht sagen, ob diese Werte erreicht oder über- bzw. unterschritten werden. Aber die Logik ist eindeutig: Wer fast die Hälfte der Supermarktregale füllt, taucht auf der Rückrufliste entsprechend auf.
Was verschweigen die Rückrufstatistiken?
Die amtliche BVL-Statistik zeigt für 2025 als häufigsten Meldungsgrund gesundheitsschädliche Substanzen, gefolgt von Allergenen, Fremdkörpern und Krankheitserregern wie Salmonellen oder Listerien. Was sie nicht zeigt: Für welchen Anteil dieser Meldungen der Handel direkt verantwortlich zeichnete – als Eigenmarkenhersteller.
Klar ist: Eigenmarken werden von denselben Lieferanten produziert, die auch für Markenprodukte arbeiten. Frosta beliefert nahezu alle großen Supermarktketten mit Tiefkühlware. Arla Foods steckt hinter Milsani-Produkten bei Aldi und Milbona-Linien bei Lidl. Bauer Milch produziert für Kaufland, Netto und Rewe.
Rückrufe von Eigenmarken und Markenprodukten haben unterschiedliche mediale Reichweite
Tritt ein Produktionsfehler bei einem dieser Hersteller auf, kann er gleichzeitig Eigenmarken und Markenprodukte treffen – aber der Rückruf läuft unter beiden Namen getrennt, auf getrennten Portalen und oft mit unterschiedlicher medialer Reichweite.
Der Wilke-Skandal 2019 zeigt, wie gefährlich das werden kann. Als der hessische Wursthersteller Wilke wegen Listerien zurückgerufen wurde, waren Produkte des Unternehmens auch als Eigenmarken bei Metro im Umlauf – aber die erste Warnung erwähnte nur „Wilke-Produkte“. Ikea, das Wilke-Wurst in seinen Restaurants verkaufte, informierte erst aktiv, nachdem foodwatch das öffentlich gemacht hatte.
Der Rückruf-Blindspot: Markenprodukte mit wenig Reichweite
foodwatch hat in einer Auswertung von 92 Rückrufaktionen auf lebensmittelwarnung.de festgestellt: Nahezu jede zweite Warnung – konkret 47 Prozent – erschien auf dem staatlichen Portal mit Verspätung. Und Supermärkte nutzten praktisch nie alle verfügbaren Kommunikationskanäle, um vor unsicheren Produkten zu warnen. Ob ein Verbraucher von einem Rückruf erfährt, hängt demnach stark davon ab, wie bekannt die betroffene Marke ist – und ob der Supermarkt selbst betroffen ist.
Das ist keine Kleinigkeit. 2025 gab es laut BVL mehr als fünf Rückrufmeldungen pro Woche – von denen der durchschnittliche Verbraucher allenfalls eine oder zwei mitbekommt, nämlich die mit medienbekannten Marken. Der Rest läuft still.
Was bedeutet das für Verbraucher?
Eigenmarken sind nicht gefährlicher als Markenprodukte. Das wäre die falsche Schlussfolgerung. Wer Aldi-Tiefkühlkräuter kauft oder Rewe-Beste-Wahl-Tomaten, ist nicht automatisch schlechter gestellt als jemand, der zur Marke greift. Die Produktqualität ist nach allen vorliegenden Stiftung-Warentest-Auswertungen vergleichbar.
Der Unterschied liegt im System der Kommunikation. Eigenmarken-Rückrufe sind auf den Kanälen der Händler gut sichtbar. Markenrückrufe starker Brands erzeugen mediale Aufmerksamkeit. Rückrufe kleinerer oder weniger bekannter Marken hingegen fallen oft durch das Raster der Wahrnehmung, wenn Händler lediglich ihre Mindestpflicht des Filialaushangs erfüllen. Für den Verbraucher bleibt das System unübersichtlich.
foodwatch und Verbraucherzentralen fordern strengere Informationspflichten
foodwatch und Verbraucherzentralen fordern daher seit Jahren, dass Informationspflichten bei jedem Rückruf – ob Eigenmarke oder nicht – noch proaktiver und einheitlicher umgesetzt werden, da klassische Zettel am Kassenband im Alltag oft schlicht übersehen werden.
Verwendete Quellen
- Eigene Hochrechnung: Eigenmarken-Rückruf-Erwartungsgröße
- lebensmittelwarnung.de
- McKinsey & Company / EuroCommerce: State of Grocery 2025, April 2025
- foodwatch: Report „Um Rückruf wird gebeten“
