Der deutsche Einzelhandel erlebt einen historischen Einschnitt. Erstmals seit der Wiedervereinigung dürfte die Zahl der Geschäfte 2026 unter 300.000 fallen. Gleich mehrere bekannte Ketten haben seit Jahresbeginn Filialen geschlossen – oder verschwinden komplett vom Markt.
Die Bandbreite reicht von der Komplettabwicklung einer Traditionskette bis zur strategischen Netzbereinigung bei Discountern. Die Frage dahinter: Wie viel stationären Handel verträgt Deutschland noch?
Eine Recherche von supermarkt-nachrichten.de
Welche Supermarktkette verschwindet 2026 komplett vom Markt?
Die Supermarktkette Tegut wird noch 2026 vollständig aus Deutschland verschwinden. Am 11. März gab der Schweizer Mutterkonzern Migros bekannt, sich komplett aus dem deutschen Markt zurückzuziehen.
Edeka übernimmt einen Großteil der Filialen mit den Mitarbeitenden. Insgesamt will der Handelskonzern rund 200 Tegut-Filialen in den genossenschaftlichen Verbund integrieren.
Rund 300 Filialen und 7.400 Mitarbeiter betroffen
Am Morgen des 11. März erfuhren 7.400 Tegut-Mitarbeiter, dass ihre Arbeitsstätte Geschichte wird. Die Kette betrieb Märkte vor allem in Hessen, Bayern, Thüringen und Baden-Württemberg.
Die Marke verschwindet voraussichtlich bis zum Jahresende vom deutschen Markt. Edeka selbst spricht von rund 200 Filialen, die in den genossenschaftlichen Verbund integriert werden sollen. Auch Rewe übernimmt Standorte – über die genaue Zahl laufen noch Verhandlungen.
Warum scheiterte Tegut trotz Bio-Fokus?
Allein 2025 musste Migros weitere 270 Millionen Euro abschreiben, um die Buchwerte an die Realität anzupassen. Der Umsatz ging zurück, die spezielle Positionierung mit Fokus auf Bio und Regionalität funktionierte im preisgetriebenen deutschen Markt nicht mehr.
Deutschland sei ein sehr anspruchsvoller, sehr preisgetriebener, kostenintensiver Markt, erklärte Migros-Zürich-Chef Patrik Pörtig. Das Bundeskartellamt muss dem Deal noch zustimmen.

Was passiert mit den Aldi-Filialen in Deutschland?
Auch bei Aldi gibt es 2026 Bewegung im Filialnetz. Mehrere Medien meldeten im März einen Netto-Rückgang von acht Standorten – Aldi Nord hat diese Darstellung allerdings weitgehend dementiert und einzelne angeblich geschlossene Filialen als weiterhin geöffnet bezeichnet.
Aldi dementiert Rückzug – nur ein Standort ersatzlos geschlossen
Aldi Nord hat viele der in Medienberichten genannten Schließungen dementiert – bestätigt wurde lediglich eine ersatzlose Filialschließung in Uelzen. Dort werden zwei Standorte zu einem großen modernen Markt zusammengelegt.
Aldi Nord will 2026 sogar um bis zu 20 Filialen wachsen. Aldi Süd gab unter anderem Standorte in Offenburg, Aschaffenburg und Augsburg auf – in Worms erfolgte eine Standortfusion mit einer vergrößerten Filiale.
Modernisierung statt Kahlschlag
Die geschlossenen Märkte stammen überwiegend aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Sie gelten als zu klein für heutige Anforderungen an Frischetheken, Sortimentsbreite und Einkaufskomfort.
Parallel entstehen neue Märkte in Städten wie Stuttgart-Vaihingen, München-Riem, Karlsruhe-Durlach, Hannover, Kiel und Magdeburg. Diese setzen auf größere Verkaufsflächen, Selbstbedienungskassen und Schnellladesäulen.
Auch Netto und Penny verlieren Standorte
Neben Aldi schlossen im März 2026 auch Filialen von Netto Marken-Discount und Penny. Einzig Lidl konnte im selben Zeitraum leicht zulegen.
Der Discounter Kodi hat sein Filialnetz ebenfalls deutlich verkleinert, und der Hemdenhersteller Eterna stellt im Sommer insolvenzbedingt seinen Betrieb komplett ein.

Was die Zahlen im Zeitraffer bedeuten: Ein Geschäft schließt alle 107 Minuten
Eine eigene Berechnung auf Basis der HDE-Daten zeigt das Ausmaß des Schwunds. Von Ende 2015 bis Ende 2026 verschwinden nach aktueller Prognose rund 75.400 Geschäfte aus dem deutschen Einzelhandel – von 372.000 auf 296.600.
Das entspricht rechnerisch 18,8 Geschäften pro Tag oder einem Laden alle 77 Minuten. Allein für 2026 ergibt die HDE-Prognose von 4.900 Netto-Schließungen einen Schnitt von 13,4 Geschäften pro Tag – rechnerisch eines alle 107 Minuten.
Wie steht es insgesamt um den deutschen Einzelhandel?
Die Zahlen des Handelsverbandes Deutschland sprechen eine deutliche Sprache: Für 2026 wird ein Netto-Rückgang von 4.900 Geschäften erwartet – die Gesamtzahl sinkt damit erstmals unter 300.000.
Seit 2015 sind damit rund 75.000 Geschäfte in Deutschland verschwunden.
Rekordzahl an Insolvenzen im Handel
Die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel liegt laut Allianz Trade auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren – 2025 wurden 2.571 Fälle verzeichnet.
Der Umsatz der Einzelhandelsunternehmen sank im Januar 2026 gegenüber dem Vormonat real um 0,9 Prozent. Besonders der Nicht-Lebensmittelhandel trifft es hart: Dort lag das Minus bei 1,7 Prozent.
Onlinehandel wächst, Innenstädte verlieren
Während der stationäre Handel schrumpft, legt der Onlinehandel weiter zu. Discounter wie Action expandieren aggressiv, Plattformen wie Temu erhöhen den Preisdruck zusätzlich. Die Folge: Weniger Auswahl in den Innenstädten, längere Wege für Verbraucher – und eine zunehmende Konzentration auf wenige große Anbieter.
Verdi-Vorstandsmitglied Silke Zimmer warnt: Eine zunehmende Monopolisierung auf wenige Player führe weder zu fairen Preisen noch zu besseren Arbeitsbedingungen.
Verwendete Quellen
- Eigene Recherche und Berechnungen
- hessenschau.de – Berichterstattung zum Tegut-Verkauf an Edeka (11.03.2026)
- Handelsblatt – Migros trennt sich von Tegut; KiK schließt 300 Filialen (März 2026)
- Supermarktblog – Analyse zur Tegut-Abwicklung (11.03.2026)
- Stuttgarter Zeitung – Aldi dementiert Filialschließungen (März 2026)
- newstime / Joyn – Filialschließungen bei Aldi mit Stellungnahme von Aldi Nord (März 2026)
- Heidelberg24 – Tegut schließt alle 300 Filialen (März 2026)
- Wirtschaftsticker / HDE – Einzelhandel schrumpft unter 300.000 Geschäfte (22.03.2026)
- Logistik Heute / dpa – Depot schließt mindestens 100 weitere Filialen (2025)
- Allianz Trade – Insolvenzdaten Einzelhandel 2025
- Destatis – Umsatzentwicklung Einzelhandel Januar 2026 (Pressemitteilung 02.03.2026)
