Tegut ist Geschichte – wird Edeka jetzt zur Übermacht?

8. April 2026

Von: Moritz Serif

Ein Supermarkt, der schließt
Tegut schließt Filialen. Diese Märkte sind betroffen (KI-Symbolfoto/Nano Banana Pro).

Die Marke Tegut verschwindet bis Jahresende aus dem deutschen Lebensmittelhandel. Rund 300 Filialen, 7.400 Mitarbeiter, 79 Jahre Firmengeschichte – alles aufgelöst in einer einzigen Pressemitteilung am 11. März 2026.

Der Schweizer Eigentümer Migros Zürich verkauft den Großteil an Edeka. Der Rest geht an Rewe, möglicherweise Aldi Nord. Übrig bleibt: nichts. Kein Name, kein Konzept, keine Alternative.

Die entscheidende Frage ist nicht, warum Tegut scheitert. Die Frage ist, was passiert, wenn ein Handelsmarkt, der ohnehin von vier Konzernen dominiert wird, noch einen Wettbewerber verliert.

Eine Recherche und Analyse von supermarkt-nachrichten.de

Wie verteilen sich die 300 Tegut-Filialen auf die Übernehmer?

Der Verkaufsvertrag zwischen Migros und Edeka umfasst rund 200 Filialen, das Logistikzentrum in Michelsrombach und die Herzberger Bäckerei.

Edeka

Edeka hatte nach eigenen Angaben Interesse am gesamten Netz – begrenzte das Paket aber auf 200 Märkte, um das Kartellverfahren zu beschleunigen.

Rewe

Mit Rewe verhandelt Migros über das zweitgrößte Filialpaket. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, Medienberichte sprechen von einer hohen zweistelligen Zahl. Aldi Nord hat Interesse an einzelnen Standorten signalisiert.

Und die restlichen Märkte?

Nicht jede Filiale findet einen Abnehmer. In Gemeinden wie Ehrenberg in der hessischen Rhön schließt mit Tegut der letzte Supermarkt – ohne Nachfolger.

Ein geschlossener Supermarkt
Ein geschlossener Supermarkt (Symbolfoto / KI-generiert)

Was bedeutet die Übernahme von Tegut für die Marktkonzentration im deutschen Lebensmittelhandel?

Hier wird es rechnerisch brisant. Die vier größten Handelsgruppen – Edeka, Schwarz-Gruppe (Lidl/Kaufland), Rewe und Aldi – kontrollieren laut Konzernatlas 2026 bereits 88 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. Mitte der 1990er-Jahre lag dieser Wert noch bei rund 55 Prozent.

Tegut wandert zu Edeka und Rewe

Tegut gehörte zu den wenigen verbliebenen Händlern außerhalb dieses Oligopols. Mit dem Verkauf an Edeka und Rewe wandern die Umsätze vollständig in die „Big Four“.

Eigene Berechnung: Edekas Marktanteil nach der Übernahme

Edeka kam 2024 laut EHI Retail Institute auf einen Gesamtumsatz von 67 Milliarden Euro im stationären Handel – das entspricht einem Marktanteil von 28 Prozent.

Teguts Jahresumsatz lag zuletzt bei geschätzt 1,1 bis 1,2 Milliarden Euro (bei rund 300 Filialen und einem Durchschnittsumsatz von 3,5 bis 4 Millionen Euro pro Markt). Übernimmt Edeka davon 200 Filialen, kommen grob gerechnet 700 bis 800 Millionen Euro Umsatz hinzu.

Auf nationaler Ebene verschiebt das den Marktanteil nur um rund 0,3 Prozentpunkte. Die Sprengkraft liegt woanders: in den Regionen.

Ein Mann beim Einkauf im Supermarkt
Ein Mann beim Einkauf im Supermarkt (Symbolfoto/Nano Banana Pro).

In welchen Regionen verschiebt sich die Marktmacht der Supermärkte am stärksten?

Die Tegut-Filialen konzentrieren sich auf sechs Bundesländer: Hessen, Bayern, Thüringen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. Der Schwerpunkt liegt in Hessen – hier betreibt Tegut die meisten Märkte.

Hessen: Edeka Hessenring vor dem Machtsprung

Die Edeka Hessenring ist die kleinste der sieben Edeka-Regionalgesellschaften – aber die mit dem höchsten Marktanteil im eigenen Gebiet. Das Netz umfasst über 500 Märkte in Nord- und Mittelhessen, Südniedersachsen und Thüringen.

Kommen jetzt 100 bis 150 ehemalige Tegut-Filialen im Hessenring-Gebiet hinzu, wächst das Netz um 20 bis 30 Prozent – ein massiver Sprung.

Frankfurt: Tegut lag vor Edeka – das dreht sich

Besonders brisant ist die Lage in der Rhein-Main-Region. Übernimmt Edeka diese Filialen, dreht sich das Verhältnis – Edeka würde in der Region vom Herausforderer zum dominanten Vollsortimenter.

Süddeutschland: Filialen ohne Logistik-Anbindung

In Stuttgart und München hatte Tegut erst ab 2014 expandiert – teils über die gescheiterte Übernahme der Bio-Kette Basic. Der Handelsexperte Carsten Kortum bezeichnete in der FAZ die Belieferung dieser Märkte von Fulda aus als „logistischen Albtraum“.

Für Edeka stellt sich das Problem nicht: Die Regionalgesellschaften Südwest und Südbayern verfügen über eigene Logistiknetze vor Ort.

Warum sieht die Monopolkommission den Deal kritisch?

Der Vorsitzende der Monopolkommission, Tomaso Duso, fordert laut Lebensmittel Zeitung eine „intensive Prüfung“ durch das Bundeskartellamt. Auch der Markenverband hat Bedenken angemeldet.

Kartellrechtler Rupprecht Podszun – selbst Mitglied der Monopolkommission – geht weiter. Er hält eine Untersagung durch das Kartellamt für möglich. Sein Argument: Die Marktmacht der großen Ketten wirke längst nicht mehr nur regional. Die Konzerne drängten zunehmend selbst in die Lebensmittelproduktion, sagte er der Fuldaer Zeitung.

Vertikale Integration als Machtinstrument

Podszun Sorge lässt sich mit konkreten Beispielen untermauern. Allein 2025 übernahm Edeka die Molkerei Prenzlau und den Bio-Großhändler Naturkost West. Die Schwarz-Gruppe kaufte den Marmeladenhersteller Göbber.

Das Muster: Die Handelskonzerne drängen zunehmend in die Lebensmittelproduktion. Sie kontrollieren nicht mehr nur den Regalplatz, sondern auch die Herstellung – und damit die gesamte Wertschöpfungskette.

„Wir können nicht einerseits eine hohe Konzentration beklagen und andererseits zusehen, wie die letzten kleinen Wettbewerber von genau diesen Unternehmen geschluckt werden“, so Podszun.

Moritz Serif, Chefredakteur von supermarkt-nachrichten.de
Ich bin Moritz Serif, Ihr Chefredakteur von supermarkt-nachrichten.de (Foto/Claus Morgenstern).

Welche Folgen hat das Tegut-Aus für regionale Lieferanten und Landwirte?

Tegut war für viele kleine Erzeuger kein beliebiger Abnehmer – sondern der einzige mit passender Struktur. 30 Prozent Bio-Anteil im Sortiment, direkte Vertragsbeziehungen, regionale Lieferketten: Das war Teguts Geschäftsmodell.

Schweinemäster Fischer: „Ich war geschockt“

Karsten Fischer, Schweinemäster aus Neuhof bei Fulda, erfuhr aus dem Internet vom Verkauf. „Ich war geschockt“, sagte er dem hr. Tegut war sein Großkunde – seit Jahrzehnten liefert sein Betrieb Ware für Tegut-Produkte, abgestimmt auf spezielle Standards: festgelegte Schweinerasse, besonderes Futter.

Eine Mail von Tegut kam später. Darin die Zusicherung, an einer „positiven Perspektive“ für Lieferanten zu arbeiten. Was das konkret bedeutet, weiß Fischer nicht.

25 Bio-Betriebe in Mainfranken ohne Abnehmer

Thomas Schwab von den Remlinger Rüben vermarktet einen Großteil seiner Erzeugnisse über Tegut. Sein Betrieb gehört zu einem Verbund von 25 Vertragslandwirten in Mainfranken, die seit über 25 Jahren Bio-Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln liefern. Gemeinsame Anbaufläche: rund 180 Hektar.

Alle diese Betriebe müssen sich jetzt neue Absatzwege suchen – falls der Nachfolger sie nicht übernimmt.

Hessischer Bauernverband: „Einigen Lieferanten ist bereits gekündigt worden“

Stefan Schneider, Vizepräsident des Hessischen Bauernverbands, bestätigt dem hr: Erste Lieferverträge wurden bereits aufgelöst. Besonders betroffen seien Betriebe, die Tegut im Rahmen von Markenfleischprogrammen wie LandPrimus beliefern.

Der Verband fordert schnelle Klarheit über die Zukunft bestehender Verträge und ein klares Bekenntnis zur Sicherung regionaler Vermarktungsstrukturen. Weniger Absatzpartner bedeuteten weniger Verhandlungsspielraum – und zusätzliche Unsicherheit.

Was verliert die Region konkret?

Die Liste der betroffenen Zulieferer aus Osthessen und Unterfranken ist lang:

  • Antonius-Hof Fulda: Über 100 Mitarbeiter, Lieferant für Gemüse, Getreide, Fruchtaufstriche und Brot – muss Anbau- und Produktionsplanung komplett neu aufstellen.
  • Herzberger Bäckerei: Gehört zum Edeka-Deal – aber ob die Bio-Ausrichtung erhalten bleibt, ist offen.
  • Schlitzer Destillerie, Eisheilige Gersfeld, Eierproduzenten aus der Rhön: Allesamt Tegut-Lieferanten, deren Absatzkanal ersatzlos wegfällt.
Leere Regale am Morgen im Supermarkt
Leere Regale am Morgen im Supermarkt (Symbolfoto/Krea AI/Nano Banana Pro).

Wie hat Migros zum Scheitern von Tegut beigetragen?

Die offizielle Begründung: ein verschärftes Marktumfeld und rückläufige Umsätze trotz Kostensenkungen. Der operative Verlust sank 2025 von 60 auf 29 Millionen Euro – aber es reichte nicht. Seit 2013 summiert sich der Gesamtverlust auf rund 600 Millionen Euro.

Sanierung oder kontrollierte Abwicklung?

Im November 2024 trennte sich Migros von der langjährigen Tegut-Geschäftsführung. Es folgte ein öffentliches Ultimatum: schwarze Zahlen bis Ende 2026. Gleichzeitig wurden Frischetheken geschlossen, das Bio-Sortiment ausgedünnt, Stellen abgebaut.

Noch im Frühjahr 2025 sprach Migros-Chef Patrik Pörtig in der Handelszeitung von einer „deutlichen Trendwende“ – das Ergebnis habe sich im ersten Quartal um 44 Prozent verbessert. Trotzdem kam wenige Monate später der Komplettverkauf.

Migros hat die eigene Tochter kaputtgespart

Die bittere Pointe: Gerade die Sparmaßnahmen – geschlossene Frischetheken, ausgedünntes Sortiment, weniger Bio – dürften Stammkunden vertrieben haben. Das „verschärfte Marktumfeld“, auf das sich Migros beruft, hat der Konzern ein Stück weit selbst geschaffen.

Die gescheiterte Integration der Bio-Kette Basic in Süddeutschland verschärfte die Lage. Der erste übernommene Basic-Markt in Mannheim schloss bereits nach 13 Monaten wieder – mangels Kundenfrequenz.

Das Timing ist auffällig

Die finanziellen Auswirkungen der Transaktion sollen bereits im Jahresabschluss 2025 sichtbar werden, der am 24. März veröffentlicht wurde. Noch Ende 2023 hatte sich Migros vertraglich verpflichtet, Tegut bis Ende 2026 finanziell abzusichern.

Der Verkauf löst dieses Problem elegant: Edeka übernimmt den Betrieb, die Bestandsgarantie wird gegenstandslos. Migros bestätigt allerdings dem Supermarktblog, dass die Verpflichtung „bis zum Vollzug aller Veräußerungen und deren Abwicklung“ fortbestehe.

Ein Discounter in Deutschland
Lidl ist einer der größten Discounter in Deutschland (Symbolfoto/Krea AI/Google Imagen 4 Ultra).

Stoppt das Kartellamt den Tegut-Deal noch?

Edeka argumentiert mit dem Kaiser’s-Tengelmann-Präzedenzfall: Damals wurden Arbeitsplätze nicht nur gesichert, sondern sogar ausgebaut. Vorstandschef Markus Mosa betont laut Edeka-Mitteilung die „klare Zukunftsperspektive“ für Tegut-Märkte und Mitarbeiter.

Monopolkommission

Die Monopolkommission sieht das anders. Ihr Sondergutachten vom November 2025 stellt fest: Der Wettbewerb im deutschen Lebensmittelhandel ist geschwächt, die Preisaufschläge von Handel und Industrie steigen, bei Landwirten kommt davon wenig an.

Mögliche Auflagen

Eine Komplettuntersagung gilt als unwahrscheinlich – zu groß wäre der Arbeitsplatzverlust. Realistischer sind Auflagen: die Abgabe einzelner Filialen in Regionen, in denen Edeka nach der Übernahme marktbeherrschend wäre. Hessen steht dabei im Fokus.

Der Konzernatlas 2026 fasst die Gesamtlage so zusammen: Die Lebensmittelpreise sind zwischen 2020 und Oktober 2025 um 36,1 Prozent gestiegen – die allgemeine Inflation lag im selben Zeitraum bei 23 Prozent. Die Kaufkraft für Lebensmittel sank damit um mehr als 15 Prozentpunkte.

Mehr Marktmacht für weniger Anbieter – das ist die Gleichung, die das Kartellamt jetzt lösen muss.

Verwendete Quellen

  • Eigene Recherche und Berechnungen
  • Hessenschau: Berichterstattung zum Tegut-Verkauf an Edeka (11.03.2026) sowie zu Folgen für hessische Landwirte (März 2026)
  • Supermarktblog: Analyse zur Tegut-Abwicklung durch Migros (11.03.2026) sowie zur Schließung des Ex-Basic-Markts in Mannheim (Februar 2025)
  • Stuttgarter Zeitung: Berichterstattung zu Tegut-Filialen in Stuttgart und Region (März 2026) sowie Filialschließungen (Oktober 2025)
  • Agrarheute: Berichterstattung zur Kartellprüfung und zu Sorgen hessischer Landwirte um Lieferverträge (März 2026)
  • Telepolis: Analyse zu Marktmacht, regionalen Lieferanten und Wettbewerbsfolgen (März 2026)
  • Supermarkt Inside: Analyse zu offenen Fragen beim Tegut-Edeka-Deal (April 2026)
  • Lebensmittel Zeitung / Lebensmittelpraxis: Daten zu Marktanteilen (Trade Dimensions), Umsatzranking 2025, Edeka Hessenring
  • EHI Retail Institute: Umsatzdaten Top-25-Lebensmittelhändler 2024
  • Konzernatlas 2026: Daten zur Marktkonzentration und Preisentwicklung
  • Monopolkommission: Sondergutachten November 2025 zum Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette
  • Osthessen-Zeitung: Berichterstattung zur Tegut-Schließung in Ehrenberg/Wüstensachsen (Dezember 2025)
  • Wetterauer Zeitung: Berichterstattung zur Zukunft regionaler Tegut-Lieferanten (April 2026)

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