Die teure Flasche ist die bessere? Beim Rotweinkauf im Supermarkt ist das nur die halbe Wahrheit.
Denn ein hoher Preis verrät zwar etwas über den Aufwand im Weinberg, aber wenig darüber, ob der Wein den eigenen Geschmack trifft. Drei Fachstimmen aus unterschiedlichen Lagern zeigen, worauf es wirklich ankommt.
supermarkt-nachrichten.de hat beim Deutschen Weininstitut, bei Master Sommelier Hendrik Thoma und beim Chefredakteur der Fachzeitschrift „Wein+Markt“ nachgefragt.
Wo kaufen die Deutschen ihren Rotwein?
Der Supermarkt ist längst die zentrale Einkaufsstätte. Rund zwei Drittel aller Weine werden hierzulande über den Lebensmittelhandel verkauft, wie das Deutsche Weininstitut (DWI) berichtet.
Dort steht das gesamte Spektrum nebeneinander. Im Lebensmittelhandel finde man Weine aller Qualitätsstufen, von unkompliziert bis hochwertig, sagt DWI-Pressesprecher Ernst Büscher gegenüber supermarkt-nachrichten.de. Die Frage ist also nicht, ob es im Supermarkt guten Rotwein gibt, sondern wie man ihn findet.
Woran erkennt man guten Rotwein im Supermarkt?
Die wichtigste Orientierung steckt auf dem Etikett. Es verrät mehr über den Charakter des Weins als jede Werbeaussage, wenn man weiß, worauf zu achten ist.
Die Rebsorte prägt den Geschmack
Der wichtigste Anhaltspunkt ist die Rebsorte. Sie prägt den Geschmack sehr stark, betont Büscher, sofern sie überhaupt auf dem Etikett steht. Bei vielen internationalen Weinen fehlt diese Angabe.
Spätburgunder etwa hat von Natur aus weniger Gerbstoffe als kräftige Sorten wie Cabernet Sauvignon oder Merlot, so der DWI-Experte. Wer es weich und fruchtig mag, liegt beim Spätburgunder richtig, wer kräftige Tannine sucht, beim Cabernet.
Trocken, halbtrocken oder lieblich
Die Geschmacksangabe ist vor allem für eine Gruppe wichtig: Wer liebliche Rotweine bevorzugt, sollte gezielt darauf achten, sagt Büscher. Denn die überwiegende Zahl der Rotweine hierzulande ist trocken. Halbtrockene und liebliche sind im Regal dagegen in der Regel deutlich gekennzeichnet.
Ein unterschätzter Hinweis: der Alkoholgehalt
Einen Tipp gibt das DWI, den viele Käufer übersehen. Büscher empfiehlt, gezielt auf den Alkoholgehalt zu achten, der auf jeder Flasche angegeben sein muss.
Je höher er ist, desto reifer waren die Trauben und desto kräftiger fällt der Wein aus. Im Sommer passt ein leichterer Rotwein mit etwa 12,5 Volumenprozent, im Winter darf es ein schwererer sein.
Der Wert hilft auch bei der Speisenwahl. Zur leichten Küche passen leichtere Weine, gehaltvolle Gerichte vertragen mehr Alkohol. Und bei scharfen Speisen verstärkt ein höherer Alkoholgehalt den Schärfeeindruck am Gaumen.
Welche Etikett-Hinweise verraten Qualität?
Hier kommt die Sommelier-Perspektive ins Spiel, und die ist pointierter. Hübsche Etiketten verkauften Wein, sagt Master Sommelier Hendrik Thoma gegenüber supermarkt-nachrichten.de, das hätten auch Discounter erkannt. Das Design selbst sage nichts aus, Vorsicht sei bei auffälligen Flaschenformen, ungewöhnlichen Glasfarben oder lustigen Namen geboten. Hilfreicher seien handfeste Angaben.
Worauf es ankommt, bringt Thoma mit einem Bonmot des legendären Weinautors Hugh Johnson auf den Punkt: Wer das Etikett lesen könne, spare sich zehn Jahre Zechererfahrung, beim Rücketikett nochmal fünfzehn. Voraussetzung sei aber, dass man die Begriffe versteht, etwa den Unterschied zwischen trocken, feinherb und lieblich.
Der VDP-Traubenadler
Ein konkretes Qualitätszeichen bei deutschen Weinen ist laut Thoma der Traubenadler des VDP, des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter. Das Siegel auf der Flaschenkapsel kennzeichnet die rund 200 Mitgliedsweingüter.
Der Verband verpflichtet seine Mitglieder auf Standards, die über das deutsche Weingesetz hinausgehen, etwa den Verzicht auf Eichenholzchips. Der Traubenadler schütze zwar nicht vor Langeweile, aber immerhin vor mieser Qualität, so Thoma.
Gutsabfüllung und Herkunft
Zwei weitere Hinweise nennt der Sommelier. Steht „Weingut“ auf dem Etikett, handelt es sich um eine Gutsabfüllung, die der anonymen Abfüllerware im Zweifel vorzuziehen sei.
Auch ein Orts- oder Lagenname kann ein Qualitätskriterium sein, erfordert aber Fachkenntnis. Höherwertig sind laut DWI etwa Ortsweine wie ein „Spätburgunder Ingelheim“ oder Lagenweine wie ein „Spätburgunder Ingelheimer Pares“, erklärt Büscher.
Hängen Preis und Qualität beim Rotwein zusammen?
Hier wird es konkret. Und anders als bei vielen Lebensmitteln fällt die Antwort des DWI klar aus, zumindest für deutsche Weine.
Bei deutschen Rotweinen seien hochwertige Weine in der Regel auch teurer, sagt Büscher. Der Grund liegt im Weinberg: Für höherwertige Weine erntet der Winzer weniger Trauben pro Rebstock.
Dadurch verteilen sich Mineralien und Nährstoffe auf weniger Trauben, der Saft wird konzentrierter und der Wein komplexer. Gleichzeitig sinkt der Ertrag und es steckt mehr Handarbeit in der Flasche, was den höheren Preis rechtfertigt.
Hinweise auf solche höherwertigen Weine sind laut DWI Ortsweine, Lagenweine oder der Vermerk „Im Barrique gereift“, der für die Lagerung in kleinen Eichenfässern mit Aromen von Vanille oder Mocca steht.
Die Gegenrechnung: Menge drückt den Preis
Der Preis hängt aber nicht nur an der Qualität. Er wird sehr stark von der produzierten Stückzahl bestimmt, betont Büscher.
Ob ein Betrieb 1.000 oder 100.000 Liter herstellt, macht einen großen Unterschied, weil große Mengen rationeller und günstiger zu produzieren sind. Deshalb finde man gerade im Basissegment auch für vergleichsweise kleines Geld durchaus gut trinkbare Weine, so der DWI-Experte.
Die Marktsicht: günstig schneidet oft besser ab
Noch deutlicher wird Simon Werner, Chefredakteur der Fachzeitschrift „Wein+Markt“, die regelmäßig Weine aus dem Lebensmittelhandel testet. Der Preis sage nur bedingt etwas über die Qualität aus, so Werner. Bei den eigenen LEH-Tests schnitten günstige Weine häufig sogar besser ab als teurere.
Dafür nennt er zwei Gründe. Erstens seien günstige Weine Schnelldreher, lange Standzeiten im Regal also unüblich. Meist sei der aktuelle Jahrgang im Verkauf, was der Frische zugutekommt. Zweitens mache sich die Überproduktion in der Branche bemerkbar: Die Einkäufer der Handelsketten könnten sich die Partien zu sehr günstigen Preisen aussuchen, teils unter dem Marktwert, was für die Produzenten nicht immer kostendeckend sei.
Der Sommelier bleibt skeptisch
Deutlich kritischer sieht es Hendrik Thoma, vor allem mit Blick auf Discounter-Rotwein. Sein Urteil zum Preis-Qualitäts-Verhältnis fällt knapp aus: noch immer „grottig“, wenn auch abhängig von Weingut, Jahrgang und Wein.
Seine Faustregel formuliert er drastisch: Wenn der Wein ähnlich viel koste wie ein Liter Benzin, solle man sich nicht wundern, wenn beides ähnlich schmecke.
Er räumt ein, dass inzwischen auch etliche VDP-Winzer beim Discounter zu finden sind, oft aber als Abfüllerware ohne den Traubenadler. Rotwein aus dem Süden lasse sich mit kellertechnischen Hilfsmitteln wie Holzchips oder Mannoproteinen massentauglich rund machen. Einen ordentlichen Spätburgunder bekomme man im Discounter dagegen noch immer nicht.
Stecken hinter Handelsmarke und Marke dieselben Kellereien?
Eine Frage beschäftigt viele Käufer: Ist die günstige Eigenmarke nur umetikettierte Markenware? Hier hat der Marktkenner eine klare Antwort.
Ja, das sei durchaus üblich, sagt Werner. Auf die Qualität habe das aber kaum Einfluss, weil sowohl Handelsmarken als auch Markenweine Kriterien folgen, die Anbieter und Abnehmer vorab definieren. Diese prägen das Geschmacksprofil und damit die Verbrauchererwartung, die dank moderner Technik im Regelfall getroffen werde. Der Markenname sagt also wenig darüber aus, aus welchem Keller der Wein stammt.
Wie aussagekräftig sind Medaillen und Auszeichnungen?
Discounter werben gern mit prämierten Weinen. Doch wie viel sagen Goldmedaillen wirklich aus? Beide Fachstimmen mahnen zur Vorsicht.
Mit Medaillen sei das so eine Sache, sagt Thoma. Seine Faustregel: Wenn mehr als eine Medaille auf der Flasche klebt, lieber Finger weg. Zwischen den einzelnen Wettbewerben gebe es zudem riesige Unterschiede in der Aussagekraft.
Entscheidend sei nicht die Medaille, sondern ein Weinkritiker, dessen Geschmack dem eigenen ähnelt. Punkte eines renommierten Kritikers wögen dann mehr als eine höhere Punktzahl aus einer beliebigen Quelle.
Auch das DWI warnt vor einem Irrtum. Ein hochdekorierter Wein müsse nicht jedem schmecken, sagt Büscher. Ein kraftvoller, gerbstoffbetonter Rotwein munde jemandem, der milde Weine mag, wahrscheinlich nicht, trotz Goldmedaille.
Simon Werner sieht Auszeichnungen differenzierter. Grundsätzlich lieferten sie Orientierung, in Fachkreisen seien manche aber umstritten. Dass ein prämierter Wein wirklich mängelbehaftet sei, treffe selten zu. Manchmal schürten Medaillen aber zu hohe Erwartungen, auch wenn sensorisch wirklich schlechte Weine selten seien.
Welche Irrtümer gibt es bei Supermarkt-Wein?
Neben dem Medaillen-Mythos nennen die Experten weitere Fehleinschätzungen.
Der hartnäckigste betrifft das Alter. „Je älter der Wein, desto besser“ gelte nur für hochwertige Weine, sagt Büscher. Das Gros der Supermarktweine sei für den sofortigen Genuss gemacht und verliere bei zu langer Lagerung an Frische.
Simon Werner nennt aus Marktsicht den konkreten Risikofaktor dahinter: längere Standzeiten im Handel, durch die der Wein in der Flasche oxidieren kann. Viele Supermarkt-Rotweine seien für den schnellen Verbrauch ausgelegt und sollten jung getrunken werden.
Den größten Irrtum sieht Werner im pauschalen Vorurteil, Supermarktwein sei schlecht. Es gebe dort soliden Wein in einem für jeden leistbaren Bereich. Handelsketten und Produzenten arbeiteten so professionell, dass sie es sich angesichts der Marktbedeutung gar nicht leisten könnten, schlechten Wein zu verkaufen. High-End-Weine seien zwar nicht zu erwarten, im Regelfall aber ordentliche Produkte.
Ein zweiter Irrtum betrifft den Einkaufsort. Viele glaubten, man dürfe Wein nicht im Supermarkt kaufen, sagt Thoma. Mit etwas Ahnung klappe das aber, vor allem im gut sortierten, inhabergeführten Rewe oder Edeka. Über eine fachkundige Beratung im Weinfachhandel gehe allerdings nichts.
Was bedeutet das für den Einkauf?
Die drei Perspektiven ergänzen sich. Das DWI zeigt, dass ein höherer Preis bei deutschem Wein oft realer Mehraufwand im Weinberg ist. Der Marktkenner verweist darauf, dass günstige Weine in Tests oft besser abschneiden, weil sie frischer im Regal stehen. Und der Sommelier erinnert an die Grenzen nach oben beim Discounter.
Verlässlich sind die nachprüfbaren Hinweise auf dem Etikett: die Rebsorte, die Geschmacksangabe, der Alkoholgehalt und Qualitätszeichen wie der VDP-Traubenadler oder eine Gutsabfüllung. Sie sagen mehr aus als der Preis oder eine Medaille.
Einen Rat gibt Thoma noch mit auf den Weg: mehr heimischen Wein kaufen. Gerade der Silvaner sei eine zu Unrecht unterschätzte Rebsorte.
Den besten Tipp gibt das DWI für Einsteiger selbst: zwei oder drei unterschiedlich teure Flaschen derselben Rebsorte kaufen und nebeneinander verkosten. Die Unterschiede schmeckt man im direkten Vergleich am besten. Und vielleicht überzeugt am Ende der günstigere Wein, dann ist Geld gespart.
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Verwendete Quellen
- Eigene Recherche von supermarkt-nachrichten.de
- Schriftliche Stellungnahme des Deutschen Weininstituts (DWI), Ernst Büscher (Ressortleiter Presse)
- Schriftliche Stellungnahme von Hendrik Thoma (Master Sommelier, Weinimporteur und -händler)
- Schriftliche Stellungnahme von Simon Werner (Chefredakteur der Fachzeitschrift „Wein+Markt“, Fachverlag Dr. Fraund)
- Deutsches Weininstitut: Marktdaten zum Weineinkauf im Lebensmittelhandel (Geschäftsbericht 2024)
- Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP): Bedeutung und Standards des Traubenadlers
