Ladendiebstahl kostet den Handel 3,05 Milliarden Euro – und treibt die Sicherheitskosten hoch

23. Juni 2026

Von: Moritz Serif

Eine Frau an einer Supermarkt-SB-Kasse.
In der Praxis lässt sich Diebstahl an SB-Kassen schwer nachweisen (Symbolfoto/Krea AI/Google Imagen 4 Ultra/KI-generiert).

Der deutsche Einzelhandel verliert wieder mehr Ware. Laut neuer EHI-Studie stiegen die Inventurdifferenzen im Jahr 2025 von 4,95 auf 5,11 Milliarden Euro. Das Plus liegt bei 3,2 Prozent. Parallel nennt das EHI ein Umsatzwachstum von 2 Prozent.

Im Markt zeigt sich dieses Problem an Warensicherungen, Kameraüberwachung, Kontrollen im Kassenbereich und mehr interner Arbeit. Diebstahl ist für Händler kein einzelner Vorfall am Regal. Er wird zum laufenden Kostenblock.

Kundendiebstahl ist der größte Posten. Allein dafür setzt das EHI 3,05 Milliarden Euro an. Dazu kommen Sicherheitsmaßnahmen, interne Kontrollen und Arbeitszeit, die an anderer Stelle fehlt.

Was hat das EHI genau untersucht?

Das EHI Retail Institute hat für seine aktuelle Untersuchung 103 Unternehmen beziehungsweise Vertriebsschienen ausgewertet. Zusammen stehen sie für 21.225 Verkaufsstellen und einen Umsatz von rund 116,3 Milliarden Euro.

Die Studie betrachtet Inventurdifferenzen im deutschen Einzelhandel. Gemeint sind Verluste durch Diebstahl, unehrliche Mitarbeitende, Lieferanten oder Servicepersonal sowie organisatorische Fehler.

Kurz gesagt: Es geht um die Lücke zwischen dem, was laut System im Bestand sein müsste, und dem, was bei der Inventur tatsächlich auftaucht.

Wie hoch sind die Inventurdifferenzen im Handel?

Die gesamten Inventurdifferenzen stiegen 2025 laut EHI auf 5,11 Milliarden Euro. Im Vorjahr waren es 4,95 Milliarden Euro.

Der Diebstahl-Anteil liegt bei 4,33 Milliarden Euro. Nach eigener Berechnung entspricht das rund 84,7 Prozent der gesamten Inventurdifferenzen.

Der übrige Teil entsteht laut EHI durch organisatorische Mängel, vor allem durch Erfassungs-, Buchungs- und Bewertungsfehler.

Wie verteilt EHI die Schäden?

Die Kundschaft wird für Warenverluste von 3,05 Milliarden Euro verantwortlich gemacht. Das sind knapp 59,7 Prozent aller Inventurdifferenzen und rund 70,4 Prozent aller Diebstahlschäden.

Den eigenen Beschäftigten werden 910 Millionen Euro angelastet. Lieferanten und Servicefirmen stehen für 370 Millionen Euro. Organisatorische Mängel machen 780 Millionen Euro aus.

Diese Aufteilung ist wichtig, weil der Begriff Inventurdifferenz oft zu allgemein klingt. In den EHI-Zahlen dominiert klar der Diebstahl durch Kundschaft.

Was heißt das pro Tag?

Runtergerechnet werden die Summen greifbarer. Die Inventurdifferenzen von 5,11 Milliarden Euro entsprechen rechnerisch rund 14,0 Millionen Euro pro Tag.

Der reine Diebstahlsschaden liegt bei etwa 11,9 Millionen Euro pro Tag. Allein der Kundendiebstahl erreicht rund 8,4 Millionen Euro pro Tag.

Für einzelne Märkte zeigt sich der Schaden nicht als große Jahreszahl. Er zeigt sich in fehlender Ware, Aufwand bei der Bestandskontrolle und zusätzlichen Sicherheitsroutinen.

Welche Sicherheitskosten kommen dazu?

Das EHI beziffert externe Präventionskosten im Jahr 2025 auf 1,7 Milliarden Euro. Dazu zählen Warensicherung, Kameraüberwachung, Detektiveinsätze, Testkäufe, Schulungen, diebstahlhemmende Verkaufsträger und Software-Analysetools.

Im Vorjahr waren es 1,6 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich ein Plus von rund 6,2 Prozent.

Diese Kosten entstehen, bevor ein einzelner Verdachtsfall überhaupt bearbeitet wird. Der Handel zahlt also dauerhaft für Abschreckung, Technik und Organisation.

Welche Arbeit entsteht zusätzlich im Markt?

Zu den externen Kosten kommen interne Tätigkeiten. Mitarbeitende bringen Warensicherungen an, deaktivieren Sicherungen, kontrollieren Bestände, werten Videomaterial aus, analysieren Daten oder erstellen Anzeigen.

Das EHI setzt für solche internen Aktivitäten konservativ weitere 1,6 Milliarden Euro an. Zusammen mit den externen Präventionsausgaben ergeben sich 3,3 Milliarden Euro Sicherheitskosten pro Jahr.

Diese Summe entspricht nach eigener Berechnung rund 76 Prozent des gesamten Diebstahlsschadens. Sie bezieht sich auf das gesamte Diebstahlrisiko im Handel.

Warum fallen so viele Fälle durch das Raster?

Nach EHI-Berechnung bleiben jährlich rund 24,8 Millionen Ladendiebstähle unentdeckt. Der durchschnittliche Schaden je unentdecktem Fall liegt bei 123 Euro.

Multipliziert man beide Werte, ergibt sich ein Betrag von rund 3,05 Milliarden Euro. Das entspricht gerundet dem Warenverlust, den das EHI der Kundschaft zurechnet.

Die Größenordnung zeigt, warum ertappte Fälle nur einen kleinen Ausschnitt liefern. Der Hauptteil der Verluste taucht erst in der Inventur auf.

Warum zeigen Händler so wenig an?

Laut EHI werden über 98 Prozent der Fälle nicht erkannt und deshalb auch nicht angezeigt. Zusätzlich beschreibt das Institut eine Anzeigemüdigkeit im Handel.

Als Grund nennt das EHI eine aus Sicht des Handels mangelhafte Strafverfolgung.

Für Händler verändert das die praktische Abwägung. Eine Anzeige kostet Zeit. Wenn das Ergebnis aus ihrer Sicht zu selten spürbar ist, rücken Prävention, Technik und eigene Kontrollen stärker in den Vordergrund.

Was haben SB-Kassen damit zu tun?

An Selbstbedienungskassen wird das Problem besonders sichtbar. Händler müssen dort zwischen echtem Diebstahl, Fehlbedienung und technischen Problemen unterscheiden.

Ein nicht gescannter Artikel kann Absicht sein. Er kann auch vergessen worden sein. Genau diese Trennlinie ist in der Praxis schwer zu ziehen.

Wie schwer dieser Nachweis ist, zeigte bereits unsere Analyse zu SB-Kassen im Supermarkt und Diebstahl. Wer wissen will, wann Falschscannen strafbar werden kann, findet die rechtliche Einordnung in unserem Artikel zu Diebstahl an Selbstbedienungskassen.

Welche Branchen stehen unter Druck?

Für supermarkt-nachrichten.de ist vor allem der Lebensmitteleinzelhandel relevant. Das EHI nennt hier keine konkrete Verlustquote. Es stellt aber fest, dass die durchschnittlichen Inventurdifferenzen im gesamten Lebensmitteleinzelhandel spürbar gestiegen sind.

Auch Drogeriemärkte mussten überwiegend höhere Inventurdifferenzen feststellen.

Im Bekleidungshandel verschlechterte sich die Lage leicht. Baumärkte zeigen laut EHI fast einen ausgeglichenen Trend. In übrigen Branchen verbesserten sich die Inventurdifferenzen im Mittel leicht.

Welche Rolle spielt organisierter Diebstahl?

Das EHI bezeichnet organisierten und gewerbsmäßigen Diebstahl weiterhin als größte Herausforderung. Rund 1 Milliarde Euro des Kundendiebstahls gehen demnach auf organisierte Kriminalität zurück.

Das entspricht nach eigener Berechnung etwa 32,8 Prozent des Kundendiebstahls.

Das EHI spricht hier von organisiertem und gewerbsmäßigem Diebstahl, meist Bandendiebstahl. Für Händler ist das ein anderes Risikoprofil als ein einzelner Diebstahl im Markt.

Warum steigt auch Gelegenheitsdiebstahl?

Laut EHI nimmt auch der normale Kundendiebstahl zu. Studienautor Frank Horst verweist auf die Sicht vieler Händler, wonach politische Unsicherheit, schwache wirtschaftliche Aussichten und finanzieller Druck bei Verbrauchern und Beschäftigten zu mehr Gelegenheitsdiebstählen führen können.

Für den Handel bedeutet das eine doppelte Belastung. Organisierte Kriminalität bleibt teuer. Gleichzeitig häufen sich aus Sicht der Händler Fälle, die eher aus Alltagssituationen und finanziellem Druck entstehen.

Was ändert sich im Supermarkt?

Wenn Sicherheitsausgaben steigen, sieht man das irgendwann im Laden. Mehr Warensicherung. Mehr Kameraüberwachung. Mehr Stichproben. Mehr Datenanalyse. Mehr Kontrollaufgaben im Personalplan.

Das kann Diebstahl eindämmen. Es macht Einkaufen aber auch technischer, vorsichtiger und manchmal langsamer.

Was Supermärkte bei Kameras dürfen und wo Grenzen liegen, haben wir hier aufgeschlüsselt: Videoüberwachung im Supermarkt.

Werden Produkte dadurch teurer?

Die EHI-Studie belegt keine direkte Preisweitergabe auf einzelne Produkte. Eine solche Aussage wäre mit den vorliegenden Zahlen nicht sauber zu belegen.

Belegt ist aber: Diebstahl und Prävention sind reale Kostenblöcke. Händler müssen diese Kosten im Geschäft auffangen, genauso wie Energie, Personal, Miete oder Logistik.

Für Kunden kann das indirekte Folgen haben: gesicherte Ware, strengere Kassenbereiche oder weniger offene Präsentation besonders diebstahlgefährdeter Produkte.

Welche Zahl bleibt hängen?

Die Schlagzeile lautet 5,11 Milliarden Euro Inventurdifferenzen.

Für die Einordnung ist eine zweite Rechnung wichtig: Addiert man Inventurdifferenzen und Sicherheitskosten, ergibt sich eine jährliche Belastung von rund 8,41 Milliarden Euro.

Zusätzlich entgeht dem Staat laut EHI durch den gesamten Diebstahl rund 590 Millionen Euro Umsatzsteuer pro Jahr. Das sind rechnerisch etwa 1,6 Millionen Euro pro Tag.

Diese Zahlen zeigen, warum Ladendiebstahl in Supermärkten und Discountern so viele Folgeentscheidungen auslöst: SB-Kassen, Personalplanung, Kameraeinsatz, Verkaufsträger und der Umgang mit Verdachtsfällen hängen daran.

Die Aufgabe wird heikel: Diebstahl wirksam begrenzen, ohne aus jedem Einkauf einen Kontrollvorgang zu machen.

Verwendete Quellen