Kassenloses Zahlen bei REWE: Was der Konzern nicht verrät

15. Mai 2026

Von: Dirk Veit

Eine Filiale von REWE
Eine Filiale von REWE (Bildquelle: ©REWE)

REWE hat vor Kurzem in Hannover den siebten Pick&Go-Testmarkt eröffnet. Kunden zahlen, ohne einen einzigen Artikel zu scannen. Das klingt nach Zukunft. Was dahintersteckt, ist ein Kamerasystem eines israelischen Unternehmens, das jeden Schritt im Markt verfolgt. Wer wissen will, wie hoch die Diebstahlquote ist oder wie lange Videodaten gespeichert werden, bekommt von REWE eine klare Antwort: keine.

Einkaufen ohne Scannen: So läuft es ab

Der neue Markt befindet sich in der Lister Meile im Herzen Hannovers, hat rund 650 Quadratmeter Verkaufsfläche und wird von etwa 25 Mitarbeitenden betrieben. Das Sortiment umfasst Backwaren, eine Salatbar, Eigenproduktionen und ein Sushi-Angebot.

Der Ablauf beim Einkaufen ist ungewohnt einfach: Kunden nehmen Produkte, legen sie in den Korb oder in mitgebrachte Taschen. Gescannt wird nichts. Am Ende gehen sie zu einem der acht Bezahlterminals, tippen auf Start, und die vollständige Einkaufsliste erscheint auf dem Display. Dann: Bar oder Karte. Fertig.

Was im Hintergrund passiert, ist technisch deutlich aufwendiger.

Die Technik stammt von einem israelischen KI-Unternehmen

REWE arbeitet für Pick&Go mit Trigo Vision Ltd. zusammen, einem auf Computer Vision spezialisierten Unternehmen. Trigo erstellt laut REWE-Pressemitteilung ein digitales 3D-Modell des Supermarkts, das die gesamte Ladenumgebung und alle Bewegungen darin abbildet. Das System erkennt, welche Produkte Kunden aus dem Regal nehmen und welche sie zurücklegen. Kameras und Sensoren erfassen den gesamten Vorgang.

Trigo wurde in Tel Aviv gegründet und hat sich auf Lösungen für den stationären Handel spezialisiert. Das Unternehmen arbeitet international mit mehreren Handelsketten zusammen und hat zuletzt auch Partnerschaften mit europäischen Supermarktketten kommuniziert.

Die Technologie ähnelt dem Ansatz, den Amazon mit seinen Go-Stores in den USA verfolgt, unterscheidet sich aber in einem entscheidenden Punkt: Während Amazon in seinen US-Märkten zunächst eine App und ein Amazon-Konto voraussetzte, gibt es am REWE-Bezahlterminal auch die Möglichkeit, bar zu zahlen. Eine verpflichtende App-Nutzung kommuniziert REWE in der Pressemitteilung nicht.

Datenschutz: REWE bleibt vage

In der eigenen Pressemitteilung erklärt REWE, Datenschutz sei von zentraler Bedeutung. Die von Kunden erfassten Bildaufnahmen würden datensparsam verarbeitet und dienten ausschließlich dazu, den Einkauf ohne Scanvorgang zu ermöglichen. Das System erfasse ausschließlich Daten, um zu erkennen, welche Produkte entnommen oder zurückgelegt werden.

Wie lange diese Daten gespeichert werden, ob sie auf externen Servern bei Trigo Vision verarbeitet werden und ob eine Verknüpfung mit Kundenprofilen stattfindet, bleibt offen. Supermarkt-Nachrichten.de hat REWE gezielt gefragt, wie die Technologie im Einzelnen funktioniert und ob Kunden auch ohne App-Verknüpfung anonym einkaufen können. Die Antwort von Pressesprecher Thomas Bonrath: REWE kommuniziere grundsätzlich keine Interna.

Aus datenschutzrechtlicher Sicht ist die Frage, wo die Videobildverarbeitung stattfindet, keine Kleinigkeit. Sobald Bilddaten an einen Drittanbieter wie Trigo übermittelt werden, greifen die Regelungen der DSGVO. Wie REWE das im Einzelnen löst, ist öffentlich nicht dokumentiert.

Sieben von 3.800 Märkten – der Rollout steckt in der Testphase

Hannover ist der siebte Pick&Go-Standort. Die bisherigen Märkte befinden sich in Köln, Berlin, München, Düsseldorf und zwei Standorten in Hamburg. Alle sieben werden als Testmärkte bezeichnet.

REWE betreibt bundesweit rund 3.800 Märkte. Sieben davon haben Pick&Go. Von einer Flächeneinführung ist das Konzept damit noch weit entfernt. Einen Zeitplan für eine breitere Einführung nennt REWE nicht. Projektleiterin Alina Klüger formuliert das Ziel vorsichtig: Innovationen sollen eingesetzt werden, damit sie echten Mehrwert schaffen, intuitiv, schnell und ohne Komplexität.

Dass der Rollout langsam geht, hat vermutlich mehrere Gründe. Die technische Infrastruktur ist aufwendig: Jeder Markt braucht eine vollständige Kamerainstallation, Sensorik und Serverkapazität für die Echtzeitverarbeitung der Bilddaten. Das ist kein Upgrade, das sich per Software-Update auf bestehende Filialen ausrollen lässt.

Hinzu kommt: REWE testet noch, wie Kunden mit dem System umgehen. Ob es zu Fehlbuchungen kommt, wenn Produkte zwischen Regalen umdeponiert werden, ist eine der offenen Fragen.

Das Personal bleibt – vorerst

Ein verbreitetes Missverständnis: Pick&Go bedeutet nicht weniger Personal. Der Hannover-Markt beschäftigt laut REWE rund 25 Mitarbeitende. REWE argumentiert, die Technologie entlaste das Personal an der Kasse, sodass mehr Zeit für Beratung und Service bleibe.

Das entspricht einem gängigen Kommunikationsmuster bei Automatisierungsprojekten im Einzelhandel. In der Praxis zeigen Erfahrungen aus dem britischen und US-amerikanischen Markt, dass der Personalabbau bei kassenlosen Märkten häufig erst in späteren Rollout-Phasen sichtbar wird, wenn das System als stabil gilt. Wie sich die Stellenanzahl in den sechs bestehenden Testmärkten seit deren Eröffnung entwickelt hat, ist nicht bekannt. REWE hat auch hier keine Angaben gemacht.

Kundenzufriedenheit: Lob ohne Zahlen

REWE schreibt in der Pressemitteilung, die Kunden schätzten die Technologie wegen Komfort und Zeitersparnis. Konkrete Nutzerzahlen, Kundenzufriedenheitswerte oder Vergleiche mit klassischen Märkten liefert der Konzern nicht. Auch die Frage, ob Kunden mit Pick&Go tatsächlich schneller einkaufen als an einer gut funktionierenden Selbstbedienungskasse, bleibt unbeantwortet.

Das ist eine relevante Frage. Denn Pick&Go erfordert, dass das System alle Produkte korrekt erfasst. Wenn es an einem Terminal zu Unstimmigkeiten kommt, muss Personal eingreifen. Wie oft das passiert und wie lange solche Korrekturen dauern, teilt REWE nicht mit.

Die Fragen, die REWE nicht beantwortet

Pick&Go ist technisch ausgereift genug, um in sieben Märkten produktiv zu laufen. Die Grundfragen, die Verbraucher tatsächlich interessieren, beantwortet REWE nicht: Wie hoch ist die Fehlerquote des Systems? Welche Daten werden wie lange gespeichert? Werden Bildaufnahmen auf Trigo-Servern verarbeitet? Und was passiert, wenn das System einen Artikel nicht erkennt?

Der Konzern verweist auf Komfort und Zeitersparnis. Ob sich das Konzept über den Teststatus hinaus trägt und in welchem Umfang der Datenschutz der Kunden gewährleistet ist, lässt sich auf Basis der öffentlichen Kommunikation nicht abschließend beurteilen.

Verwendete Quellen

Eigene Presseanfrage an REWE Unternehmenskommunikation vom Mai 2026, Antwort von Pressesprecher Thomas Bonrath

REWE Mediacenter: „REWE eröffnet Testmarkt mit Pick&Go-Technologie in Hannover“, 25.03.2026: https://mediacenter.rewe.de/pressemitteilungen/rewe-eroeffnet-testmarkt-mit-pick-and-go-technologie-in-hannover

REWE Mediacenter Nord: Pressemitteilung Pick&Go Hannover, 25.03.2026: https://mediacenter.rewe.de/regionen/nord/pressemitteilungen/pick-und-go-hannover