Diebstahl an SB-Kassen: Kaufland und Lidl bauen trotzdem massiv aus

29. April 2026

Von: Dirk Veit

Zwei Frauen an SB-Kassen in einem Supermarkt
Zwei Frauen an SB-Kassen in einem Supermarkt (Symbolbild / KI generiert)

Kaufland will in diesem Jahr in 220 weiteren Filialen Selbstbedienungskassen einbauen. Lidl will bis zum Frühjahr 2026 jede zweite seiner über 3.250 Filialen mit „Scan&Go“ ausgestattet haben. REWE setzt parallel den Ausbau seiner SCO-Systeme fort.

Der Self-Checkout wird in deutschen Supermärkten zum Standard. Das geht aus exklusiven Antworten der drei Konzerne auf eine Presseanfrage von supermarkt-nachrichten.de hervor.

Die Branchendaten sind dabei nuancierter, als die öffentliche Debatte vermuten lässt. Mehr als 45 Prozent der Händler verzeichnen laut EHI Retail Institute zwar steigende Inventurdifferenzen seit Einführung der SB-Kassen. EHI-Experte Frank Horst betont aber: Vieles davon seien Fehlbedienungen, nicht zwangsläufig Diebstahl. Die drei Handelsriesen geben weiter Vollgas.

Eine Frau an einer Selbstbedienungskasse im Supermarkt (Symbolfoto/Krea AI/Google Imagen 4 Ultra/KI-generiert).
Eine Frau an einer Selbstbedienungskasse im Supermarkt (Symbolfoto/Krea AI/Google Imagen 4 Ultra/KI-generiert).

Wie weit treibt Kaufland den SB-Kassen-Ausbau?

Kaufland liefert in seiner Antwort an supermarkt-nachrichten.de die konkretesten Zahlen aller drei befragten Konzerne. Allein 2026 baut Kaufland in 220 weiteren Filialen SB-Kassen ein, im Schnitt vier Filialen pro Woche, so Stephan Wehner aus der Kaufland-Unternehmenskommunikation. Nach Abschluss des Rollouts werden bundesweit über 8.000 SB-Kassen im Einsatz sein.

Aktuell sind laut Pressemitteilung des Konzerns vom 24. März 2026 in rund 300 Filialen etwa 2.000 SB-Kassen installiert. In diesen Märkten nutzen rund 40 Prozent der Kunden den Self-Checkout zum Bezahlen. Pro Standort sind künftig bis zu zwölf SB-Kassen geplant.

Ergänzend treibt Kaufland sein Selbstscan-System K-Scan voran. Kunden scannen Artikel direkt beim Einkauf per Handscanner oder Smartphone und übertragen den Einkauf am Ende per QR-Code an die SB-Kasse. Voraussetzung ist eine Registrierung im Bonusprogramm Kaufland Card XTRA.

Kaufland nutzt eigenes KI-Modell an SB-Kassen

Hier liegt der bemerkenswerteste Inhalt der Kaufland-Antwort. Der Konzern setzt für die stichprobenartigen Re-Scans an SB-Kassen ein selbst entwickeltes KI-Modell ein. Re-Scans sind Nachkontrollen, bei denen Mitarbeiter überprüfen, ob alle Waren korrekt gescannt wurden.

Früher entschieden starre Regeln oder eine Zufallsauswahl, wer kontrolliert wird. Inzwischen analysiert die KI Muster aus Warenkörben, die in der Vergangenheit auffielen, und steuert die Kontrollen entsprechend. Das Ergebnis nach Konzern-Angaben: höhere Trefferquote bei den Kontrollen, weniger Nachfragen für ehrliche Kunden.

Wer alles korrekt scannt, wird laut Kaufland künftig deutlich seltener nachkontrolliert. Konkrete Trefferquoten oder Datenbasis nennt der Konzern allerdings nicht. Wie groß die durch die KI verhinderte Diebstahlsumme ist, bleibt offen.

Was plant Lidl mit Scan&Go?

Lidl bestätigt in der Antwort an supermarkt-nachrichten.de seinen massiven Ausbau. Bis zum Frühjahr 2026 wird jede zweite der über 3.250 Lidl-Filialen in Deutschland mit „Scan&Go“-Kassen ausgestattet sein. Rechnerisch sind das rund 1.625 Filialen.

Ein Mann beim Self-Checkout im Supermarkt
Ein Mann beim Self-Checkout im Supermarkt (Symbolfoto/Krea AI/Google Imagen 4 Ultra/KI-generiert).

Zu konkreten Diebstahlskennzahlen schweigt der Discounter. Julie Simone Berger aus der Lidl-Pressestelle teilt mit, dass sich der Konzern grundsätzlich nicht zu internen Kennzahlen seiner Scan&Go-Kassen äußert.

Stattdessen verweist Lidl auf eine Kombination aus etablierten Maßnahmen wie Ausgangsschranken und nicht näher benannten technologischen Innovationen. Klassische Bedienkassen will Lidl parallel weiter anbieten. Die Filialbesetzung soll sich durch den SB-Ausbau nicht verändern.

Das sagt REWE zur Diebstahlrate an SB-Kassen

REWE liefert eine eindeutige, aber wenig konkrete Aussage. Johanna Freimuth, Mediensprecherin der REWE GROUP, teilt auf Anfrage mit, dass der Konzern keinen signifikanten Einfluss von Selbstbedienungskassen auf die Diebstahlquote in seinen Märkten erkennt.

Konkrete Vergleichszahlen zwischen SB-Kassen und klassischen Kassen veröffentlicht REWE nicht. Auch zu Inventurdifferenzen, Aufklärungsquoten oder eigenen Studienergebnissen gibt es keine Auskunft.

Die Strategie ist trotzdem klar: REWE setzt den Ausbau der SCO-Systeme als ergänzendes Bezahlangebot fort. SCO steht für Self-Checkout, also die Kasse, an der Kunden ihre Ware selbst scannen. Wie das System funktioniert, erklärt supermarkt-nachrichten.de im Überblick zu SB-Kassen im Supermarkt.

Zur Prävention setzt REWE auf drei Säulen: Checkout-Manager an den SB-Kassen, Videoüberwachung und Exit-Gates am Ausgang. Die Checkout-Manager unterstützen Kunden zusätzlich bei Bedienungs- und technischen Problemen. Wann eine Videoüberwachung im Supermarkt rechtlich zulässig ist, ist datenschutzrechtlich genau geregelt.

Wie groß ist das Diebstahls-Problem an SB-Kassen wirklich?

Belastbare Daten liefert die Studie „Inventurdifferenzen 2025“ des EHI Retail Institute. Die Inventurverluste im deutschen Einzelhandel summieren sich für 2024 auf 4,95 Milliarden Euro, ein Plus von rund drei Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Davon entfallen 4,2 Milliarden Euro auf Diebstahl. Den größten Anteil verursachen Kunden mit 2,95 Milliarden Euro. Eigene Mitarbeitende stehen für 890 Millionen Euro, Lieferanten und Servicekräfte für 370 Millionen Euro.

Bezahlen müssen am Ende die Kunden. Rund 1,5 Prozent der Verkaufspreise sind nach EHI-Berechnung versteckte Sicherheitsumlage. Jeder zahlt also bei jedem Einkauf mit, ob in Konstanz, Köln oder Kiel.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Die polizeilich angezeigten Ladendiebstähle sind 2024 leicht zurückgegangen, auf 404.907 Fälle. Doch das ist nur die sichtbare Spitze.

Laut EHI bleiben rund 98 Prozent aller Diebstahlfälle unentdeckt. Hochgerechnet sind das etwa 24,5 Millionen unbemerkte Fälle pro Jahr mit einem durchschnittlichen Schaden von 120 Euro.

Was zeigen die EHI-Zahlen speziell zu SB-Kassen?

Hier wird die Aussage von REWE besonders interessant. Frank Horst, Leiter der EHI-Initiative Self-Checkout, äußert sich in einem Interview mit der Lebensmittel Zeitung am 11. Dezember 2025 differenziert zur Diebstahls-Frage. Mehr als 45 Prozent der Händler geben an, dass die Inventurdifferenzen seit Einführung der SB-Kassen gestiegen sind.

Horst widerspricht aber einer pauschalen Diebstahls-Erklärung. Man könne das Thema nicht verallgemeinern und sagen, an SB-Kassen werde grundsätzlich mehr geklaut. Es sei schwer zuzuordnen, woran es liegt, wenn die Inventurdifferenzen steigen. Auch andere Gründe als die SB-Kasse seien möglich.

Ein wesentlicher Faktor seien Fehlbedienungen der Kunden, die zu Verlusten führen, ohne dass es sich um Diebstahl handelt. Die Gelegenheit zum Klauen sei vorhanden, aber technische Maßnahmen wie Kontrollwaagen, Ausgangsschranken und Kamerasysteme könnten das Risiko deutlich eindämmen.

Die separate EHI-Markterhebung zur Verbreitung von Self-Checkout-Systemen aus dem November 2025 zeigt parallel das rasante Wachstum. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Zahl der Geschäfte mit stationären SCO-Systemen um 143 Prozent erhöht. Im Lebensmittelhandel stehen mittlerweile in über 6.240 Märkten durchschnittlich 3,98 SB-Kassen.

Die REWE-Aussage steht damit nicht im klaren Widerspruch zur Branchenforschung, sondern in einem aufschlussreichen Spannungsverhältnis. REWE bezieht sich explizit auf die Diebstahlquote. Die EHI-Daten messen Inventurdifferenzen insgesamt, also auch Bedienfehler. Belastbare öffentliche Zahlen, die Diebstahl an SB-Kassen sauber von anderen Verlustursachen trennen, gibt es derzeit weder vom EHI noch von den Konzernen selbst.

Was bedeutet der SB-Kassen-Boom für Verbraucher?

Für Kunden heißt das: Self-Checkout wird in den nächsten Jahren in fast jeder Filiale verfügbar sein. Bedienkassen bleiben parallel bestehen. Die Sicherheitsarchitektur rund um die SB-Kassen wird intensiver, von KI-gestützten Re-Scans über Kontrollwaagen bis zu Ausgangsschranken.

Die zentrale Frage zum SB-Kassen-Diebstahl bleibt offen. Wie viel der höheren Inventurdifferenzen tatsächlich auf Diebstahl entfällt und wie viel auf Bedienfehler, lässt sich auf Basis der öffentlichen Daten nicht sauber trennen. Solange die Konzerne keine eigenen Zahlen veröffentlichen, bleibt diese Lücke bestehen.

Verwendete Quellen

  • Eigene Presseanfrage von supermarkt-nachrichten.de an REWE GROUP, beantwortet von Johanna Freimuth, Corporate Communication Managerin und Mediensprecherin
  • Eigene Presseanfrage von supermarkt-nachrichten.de an Kaufland, beantwortet von Stephan Wehner, Corporate Affairs / Unternehmenskommunikation
  • Eigene Presseanfrage von supermarkt-nachrichten.de an Lidl, beantwortet von Julie Simone Berger, Pressestelle der Lidl Dienstleistung GmbH & Co. KG
  • Kaufland-Pressemitteilung vom 24.03.2026 „Kaufland macht Tempo: SB-Kassen und K-Scan für jede Filiale in Deutschland“
  • EHI Retail Institute, Studie „Inventurdifferenzen 2025“, veröffentlicht Juni 2025
  • EHI Retail Institute, Pressemitteilung „Jede 18. Kasse ist eine SB-Kasse“ vom 05.11.2025 (EHI-Markterhebung Stand August 2025)
  • Lebensmittel Zeitung direkt, Interview mit Frank Horst vom 11.12.2025 „EHI warnt: Diese SB-Kassen-Fehler kosten richtig Geld“
  • Handelsdaten.de, Übersicht Inventurdifferenzen