High-Protein-Abzocke: So verdienen die Hersteller am Ernährungs-Hype

1. April 2026

Von: Dirk Veit

High-Protein Produkte
High-Protein Produkte (Symbolbild / KI generiert)

Über eine Milliarde Euro im Jahr geben Deutsche für High-Protein-Produkte aus. Wer dabei wirklich verdient – und warum der Magerquark-Becher das bessere Geschäft für Verbraucher ist.

Das High-Protein-Regal wächst. In jedem deutschen Supermarkt stehen inzwischen Pudding, Müsli, Joghurt und Brot mit dem Versprechen: mehr Eiweiß, mehr Fitness, mehr Gesundheit. Der Umsatz ist in zwei Jahren um fast 50 Prozent gewachsen – auf über eine Milliarde Euro pro Jahr. Doch wer genau hinschaut, stellt fest: Das Protein-Label ist vor allem eines – ein Preis-Aufschlag, der Herstellern und Handel nützt, nicht dem Verbraucher.

supermarkt-nachrichten.de hat die Kilopreise analysiert und nachgerechnet, was ein Gramm Eiweiß aus dem HP-Regal wirklich kostet. Das Ergebnis ist eindeutig.

Was steckt hinter dem High-Protein-Boom in deutschen Supermärkten?

Der Markt wächst rasant. Laut dem Dossier „10 trends shaping Europe in 2026 and beyond“ von Nielsen IQ verzeichneten eiweißreiche Produkte im Jahr 2025 europaweit einen Umsatzzuwachs von 27,4 Prozent. In Deutschland hat sich der Umsatz mit Proteinprodukten in kürzester Zeit auf über eine Milliarde Euro im Jahr aufgebläht – das ist fast 50 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren, belegt eine Analyse des Marktforschungsunternehmens Nielsen IQ, die dem Spiegel vorlag und von der Verbraucherorganisation foodwatch ausgewertet wurde.

Das Interesse kommt von unten: Laut dem Protein-Report des Marktforschungsunternehmens Numerator achten 61,6 Prozent der deutschen Käufer von Proteinprodukten täglich besonders auf ihren Eiweißkonsum – mehr als auf Kalorien oder Zucker. Gleichzeitig glauben 37 Prozent, zu wenig Protein zu sich zu nehmen.

Diese Lücke zwischen Anspruch und Realität ist das Geschäftsmodell der Hersteller. Ein Becher Pudding mit dem Aufdruck „High Protein“ kostet bei Rewe als Markenprodukt 1,49 Euro – für 200 Gramm.

Was kostet das High-Protein-Label wirklich? Die Kilopreis-Analyse

supermarkt-nachrichten.de hat die aktuellen Regalpreise erhoben und verglichen. Das Ergebnis zeigt eine deutliche Preis-Schere.

Der Ehrmann High Protein Pudding Schoko kostet bei Rewe 1,49 Euro für 200 Gramm. Das ergibt einen Kilopreis von 7,45 Euro. Der Dr. Oetker Löffelglück Sahne Pudding Schoko, ebenfalls im Kühlregal, kostet 1,99 Euro für 500 Gramm – also 3,98 Euro pro Kilogramm.

Der Aufschlag für das High-Protein-Label beträgt beim Markenprodukt 87 Prozent. Wer zur Eigenmarke des Handels greift – REWE Beste Wahl High Protein Pudding kostet 0,99 Euro für 200 Gramm – zahlt 4,95 Euro pro Kilogramm. Das sind immer noch 24 Prozent mehr als beim klassischen Sahnepudding.

Für den Aufschlag bekommt der Käufer: 20 Gramm Eiweiß pro 200-Gramm-Becher, also 10 Gramm Protein je 100 Gramm. Dafür werden Zucker und Fett reduziert und Süßungsmittel wie Acesulfam K oder Sucralose zugegeben. Der Proteingehalt wird durch Milcheiweiß-Konzentrat erreicht – ein Industrierohstoff.

Wie viel kostet ein Gramm Protein aus dem HP-Regal – und was zahlt man woanders?

Die eigentliche Preis-Schere zeigt sich erst beim Protein-Effizienz-Vergleich. supermarkt-nachrichten.de hat nachgerechnet, was ein Gramm Eiweiß aus verschiedenen Quellen kostet:

  • Ehrmann HP Pudding Marke (Rewe, 1,49 Euro / 200g, 20g Protein): 7,45 Cent pro Gramm Protein
  • REWE Beste Wahl HP Pudding (0,99 Euro / 200g, 20g Protein): 4,95 Cent pro Gramm Protein
  • Milsani Magerquark Aldi Süd (1,45 Euro / 500g, 12g Protein je 100g, gesamt 60g Protein): 2,42 Cent pro Gramm Protein

Das Ergebnis: Das Marken-HP-Pudding-Protein kostet dreimal so viel pro Gramm wie das Protein aus Magerquark. Wer 20 Gramm Protein über einen Ehrmann-Becher aufnehmen will, zahlt dafür 1,49 Euro. Dieselbe Proteinmenge steckt in rund 167 Gramm Magerquark – für etwa 48 Cent.

Pro Euro bekommt man beim Magerquark rund 41 Gramm Protein. Beim Ehrmann HP Pudding sind es gerade einmal 13,4 Gramm. Der Faktor liegt bei drei.

Warum steckt überhaupt so wenig Protein im normalen Pudding?

Ein klassischer Sahnepudding wie der Dr. Oetker Löffelglück besteht laut Zutatenliste zu 85 Prozent aus Sahne. Fett- und Zuckergehalt sind hoch, der Proteingehalt naturgemäß niedrig – er liegt bei rund 3 bis 4 Gramm je 100 Gramm. Das macht normalen Pudding kalorienreich, aber zu keiner Proteinquelle.

Genau hier setzt das Marketing der HP-Hersteller an. Sie ersetzen Sahne durch Magermilch, fügen Milcheiweiß-Konzentrat zu und senken den Zuckeranteil durch Süßungsmittel. Das Ergebnis ist ein kalorienärmeres Produkt mit höherem Proteingehalt – aber kein natürliches Lebensmittel, sondern ein stark verarbeitetes Fabrikat. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat in einem Marktcheck 14 Proteinprodukte untersucht: Im Schnitt enthielten sie fünf Zusatzstoffe, also rund zwei mehr als die konventionellen Vergleichsprodukte. Zehn von 14 Produkten waren Aromen zugesetzt.

Brauchen die meisten Deutschen überhaupt mehr Protein?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung hat gezeigt, dass die Menschen in Deutschland diese Menge im Durchschnitt bereits über eine normale Ernährung abdecken – oder sogar übertreffen. Ein gesundheitlicher Zusatznutzen durch die Extraportion Eiweiß aus Fertigprodukten ist laut DGE für die Mehrheit der Bevölkerung nicht zu erwarten.

Wer regelmäßig Sport treibt und einen erhöhten Proteinbedarf hat, kann diesen laut DGE durch natürliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Fisch, Eier, Fleisch und Magerquark decken – ohne Aufpreis für Markenlabels.

Wer verdient am High-Protein-Boom?

Die Antwort ist klar: die Hersteller. Der Mehrpreis für das HP-Label ist erheblich. Bei Ehrmann liegt er für den Pudding-Becher bei 87 Prozent gegenüber einem klassischen Konkurrenzprodukt – für ein Produkt, das denselben Grundrohstoff nutzt (Magermilch, Milcheiweiß), aber anders zusammengesetzt ist.

Foodwatch hat den Mechanismus in einem Marktcheck untersucht und gezeigt, dass die Preisaufschläge quer durch das Sortiment reichen. Das Seitenbacher Protein Müsli ist demnach 86 Prozent teurer als das Fitness Müsli desselben Herstellers. Das Eiweiß-Brot von Mestemacher kostet 145 Prozent mehr als ein vergleichbares normales Brot. Den Rekord hält laut foodwatch Dr. Oetker: Der High Protein Vanille Pudding zum Anrühren – in diesem Fall ein Pulverprodukt, kein Fertig-Becher – kostet 224 Prozent mehr als das Standard-Pendant des Herstellers.

Der Handel profitiert mit. Höherpreisige Produkte verbessern die Rohertragsmarge im Kühlregal. Das erklärt, warum das High-Protein-Regal in Supermärkten und Discountern in den letzten Jahren massiv ausgebaut wurde.

Analyse: Eine Milliarde Euro für ein Etikett

Der High-Protein-Boom ist ein Lehrstück in Lebensmittelmarketing. Der Nährwert-Vorteil des HP-Puddings gegenüber klassischen Proteinquellen ist minimal. Magerquark liefert mehr Protein pro Euro, enthält weniger Zusatzstoffe und gilt seit Jahrzehnten als bewährte Eiweißquelle – ohne Fitness-Label und ohne Aufpreis.

Was sich verändert hat, ist nicht der Proteingehalt der deutschen Ernährung, sondern die Bereitschaft der Verbraucher, für das Label zu zahlen. Über eine Milliarde Euro pro Jahr fließen in eine Produktkategorie, deren gesundheitlicher Mehrwert für die Mehrheit der Käufer nicht belegt ist.

Das ist nicht per se verwerflich – wer HP-Pudding kauft und ihn mag, hat eine freie Wahl. Doch die Analyse zeigt: Das Etikett „High Protein“ ist vor allem ein Geschäftsmodell. Die Industrie verdient. Der Verbraucher zahlt drauf – oft dreimal mehr pro Gramm Eiweiß als nötig.

Verwendete Quellen

  • Eigene Berechnungen: Kilopreis- und Protein-Effizienz-Vergleich auf Basis erhobener Regalpreise
  • Nielsen IQ: Dossier „10 trends shaping Europe in 2026 and beyond“
  • Numerator: Protein-Report 2026
  • foodwatch: Marktcheck Protein-Lebensmittel
  • Verbraucherzentrale Hamburg: Marktcheck 14 Protein-Produkte
  • Regalpreise erhoben über: supermarktcheck.de, marktguru.de, ratz-fatz.com