Müssen Supermärkte jetzt einpacken? So gut sind Hello Fresh & Co. wirklich

9. April 2026

Von: Moritz Serif

Eine Familie am Küchentisch
Eine Familie hat eine Kochbox für zuhause bestellt (KI-generiertes Symbolfoto/Nano Banana).

HelloFresh, Marley Spoon, Picnic: Lebensmittel-Abos versprechen, den Wocheneinkauf überflüssig zu machen. Die Branche wächst, die Schlagzeilen versprechen die Revolution.

Doch wer nachrechnet, stellt fest: Der Online-Anteil am deutschen Lebensmittelhandel liegt bei unter 2 Prozent. Und eine vierköpfige Familie zahlt für Kochboxen mehr als doppelt so viel wie im Supermarkt – nur für das Abendessen. Die Frage ist nicht, ob Supermärkte einpacken müssen. Die Frage ist: Wer kann sich die Abos überhaupt leisten?

Eine Recherche und Analyse von supermarkt-nachrichten.de.

Wie groß ist der Online-Lebensmittelmarkt wirklich?

Der gesamte Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland setzte 2025 rund 218 Milliarden Euro um. Davon entfielen laut Handelsverband etwa 4,1 Milliarden Euro auf den Online-Handel mit Lebensmitteln.

Das ergibt einen Online-Anteil von 1,9 Prozent. Nicht 17, nicht 10 – unter zwei.

Die PwC-Zahl, die alle zitieren

Eine vielzitierte PwC-Studie von April 2025 kommt auf einen höheren Wert: 17 Prozent der Lebensmittelausgaben landeten demnach im Online-Einkaufswagen. Der Unterschied: PwC fragte Konsumenten, was sie angeben – nicht, was die Kassen tatsächlich registrierten.

Die Kehrtseite

Die gleiche Studie zeigt auch die Kehrseite: 46 Prozent der Befragten kaufen weiterhin ausschließlich im stationären Handel ein. Und 52 Prozent sind nicht bereit, online mehr zu zahlen als im Laden um die Ecke.

Was kosten Kochboxen im Vergleich zum Supermarkt?

Hier wird es konkret. Wir haben die Kosten für eine vierköpfige Familie berechnet, die fünf Abendessen pro Woche über ein Kochbox-Abo bezieht – und mit dem Selbstkochen aus Supermarkt-Zutaten verglichen.

Die Rechnung für HelloFresh

Der reguläre Portionspreis bei HelloFresh liegt bei 5,10 Euro. Dazu kommen 5,99 Euro Versandkosten pro Lieferung.

Für 4 Personen und 5 Gerichte pro Woche ergibt das: 107,99 Euro pro Woche. Hochgerechnet auf den Monat: rund 468 Euro – allein für das Abendessen.

Die Rechnung für Marley Spoon

Bei Marley Spoon kostet die Portion 5,30 Euro, plus identische Versandkosten. Das Ergebnis: 111,99 Euro pro Woche, rund 485 Euro im Monat.

Der günstigere Ableger Dinnerly existiert seit Januar 2025 nicht mehr. Marley Spoon hat die Marke eingestellt und in das eigene Angebot integriert.

Die Rechnung für den Supermarkt

Wer dieselben fünf Gerichte mit Zutaten aus dem Supermarkt kocht, kommt auf geschätzte 2,50 Euro pro Portion – ein realistischer Mittelwert für ein Gericht mit Gemüse, Stärkebeilage und Protein.

Das ergibt: 50 Euro pro Woche, rund 216 Euro im Monat.

Der Aufpreis auf einen Blick

  • HelloFresh vs. Supermarkt: +57,99 Euro pro Woche, +116 Prozent. Auf das Jahr gerechnet: +3.015 Euro Mehrkosten.
  • Marley Spoon vs. Supermarkt: +61,99 Euro pro Woche, +124 Prozent. Auf das Jahr: +3.223 Euro Mehrkosten.
Ein Mann vergleicht Eierpreise im Supermarkt
Ein Mann vergleicht Eierpreise im Supermarkt (Symbolfoto/Nano Banana Pro).

Wie viel vom Familienbudget frisst die Kochbox?

Laut Destatis gibt eine vierköpfige Familie in Deutschland durchschnittlich 804 Euro pro Monat für Nahrungsmittel und Getränke aus.

HelloFresh verschlingt 468 Euro

Allein die HelloFresh-Abendessen verschlingen davon 468 Euro – das sind 58 Prozent des gesamten Lebensmittelbudgets. Für Frühstück, Mittagessen, Snacks und Getränke bleiben 336 Euro.

Zum Vergleich: Wer die Abendessen selbst kocht, gibt dafür 216 Euro aus. Es bleiben 588 Euro für den Rest – fast doppelt so viel finanzieller Spielraum.

Für Paare sieht es nicht besser aus

Auch im Zwei-Personen-Haushalt ist der Aufpreis erheblich. Drei HelloFresh-Gerichte pro Woche für zwei Personen kosten 36,59 Euro. Dieselben Gerichte aus Supermarkt-Zutaten: 15 Euro.

Der Aufpreis: 144 Prozent.

Wo wachsen die Online-Lieferdienste tatsächlich?

Die eigentliche Wachstumsgeschichte schreiben nicht die Kochboxen, sondern die Online-Supermärkte. Picnic, an dem Edeka beteiligt ist, legte 2025 nach eigenen Angaben um mehr als 30 Prozent zu. Bei Heimlieferungen ist Picnic laut Marktforscher NIQ inzwischen Marktführer vor Rewe.

Das Picnic-Modell ist ein anderes

Picnic liefert keine portionierten Rezeptboxen, sondern einen klassischen Wocheneinkauf – mit kostenloser Lieferung und einem Mindestbestellwert von 40 Euro. Die Preise liegen laut Vergleichsportalen auf Supermarktniveau, teils sogar darunter.

Das Konkurrenzmodell Knuspr, das in Partnerschaft mit Amazon liefert, meldete für Berlin Ende 2025 erstmals Profitabilität – nach München im Jahr zuvor. Der Markt konsolidiert sich, aber er wächst.

Die Prognose: Wachstum ja, Revolution nein

PwC prognostiziert für 2030 ein Online-Lebensmittelmarkt-Volumen von 18 Milliarden Euro. Klingt nach viel. Setzt man es aber ins Verhältnis zum prognostizierten Gesamtmarkt von 268 Milliarden Euro, ergibt sich ein Anteil von 6,7 Prozent.

Von 1,9 auf 6,7 Prozent in fünf Jahren: Das ist Wachstum. Aber es ist keine Disruption.

gefüllter_einkaufswagen
Gefüllter Einkaufswagen im Supermarkt (Symbolfoto/KI-generiert).

Was bedeutet das für die Supermärkte?

HelloFresh selbst liefert die deutlichste Antwort auf die Titelfrage. Der Berliner Konzern verzeichnete 2025 einen Umsatzrückgang von knapp 12 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro weltweit. Für 2026 rechnet das Unternehmen mit weiterem Rückgang.

HelloFresh setzt auf Stammkunden

Das Sparprogramm läuft auf Hochtouren: 160 Millionen Euro Einsparungen im Vorjahr, weitere 140 Millionen geplant. Gleichzeitig setzt HelloFresh verstärkt auf Stammkunden – die Mehrheit der Bestellungen kommt inzwischen von Kunden mit mehr als 50 bestellten Boxen.

Discounter bleiben unangreifbar

Die deutschen Discounter allein setzten 2024 rund 97,7 Milliarden Euro um – das ist mehr als das Zwanzigfache des gesamten Online-Lebensmittelhandels. Aldi und Lidl bedienen ein Preissegment, das kein Kochbox-Anbieter und kein Lieferdienst erreichen kann.

Wer profitiert wirklich von Lebensmittel-Abos?

Kochboxen lösen ein echtes Problem: die Frage „Was kochen wir heute?“ Sie sparen Planungszeit, reduzieren Lebensmittelverschwendung durch portionsgenaue Zutaten und liefern Abwechslung.

Aber sie lösen es zu einem Preis, den sich nicht jeder Haushalt leisten kann. Über 3.000 Euro Mehrkosten im Jahr gegenüber dem Selbstkochen sind der Preis.

Darum müssen Supermärkte nicht einpacken

Die Online-Supermärkte wie Picnic und Knuspr haben dagegen eine realistischere Chance, dem stationären Handel Marktanteile abzunehmen. Sie bieten vergleichbare Preise bei höherem Komfort. Ihr Wachstum ist real, wenn auch von niedrigem Niveau aus.

Die Antwort auf die Titelfrage lautet deshalb: Nein. Supermärkte müssen nicht einpacken. Aber sie sollten ihre Lieferservices ausbauen.

Verwendete Quellen

  • Eigene Berechnungen: Wochenkosten, Monatskosten, Jahres-Mehrkosten, Budgetanteile (Kochbox vs. Supermarkt, Basis: öffentlich verfügbare Portionspreise und Destatis-Haushaltsdaten)
  • Statista/EHI Retail Institute: Umsatz Lebensmitteleinzelhandel Deutschland 2024/2025
  • Destatis (Einkommens- und Verbrauchsstichprobe): Konsumausgaben privater Haushalte für Nahrungsmittel
  • PwC/Strategy& „Appetit auf mehr: Trends und Treiber im Online-Lebensmittelhandel“, April 2025
  • HelloFresh SE: Geschäftsbericht 2025, Prognose 2026 (via finanzen.at, 4investors.de)
  • kochbox.de / kochbox.net: Aktuelle Portionspreise HelloFresh (Stand April 2026) und Marley Spoon (Stand 2025/2026)
  • NIQ (NielsenIQ): Marktanteile Lebensmittel-Lieferdienste Deutschland 2025
  • Supermarktblog: Knuspr-Profitabilität Berlin 2025