Shrinkflation 2026: Neue Fälle, alte Masche – diesmal fliegt die Begründung auf

3. April 2026

Von: Dirk Veit

Kaffee ist deutlich teurer geworden im Supermarkt
Kaffee ist deutlich teurer geworden im Supermarkt (Symbolfoto/Nano Banana Pro).

Der Kakaopreis ist um 80 Prozent gefallen. Trotzdem enthält die Marabou-Tafel plötzlich 50 Gramm weniger. supermarkt-nachrichten.de zeigt die frischen Shrinkflation-Fälle aus 2025 und 2026 – und warum die Begründungen der Hersteller nicht aufgehen.

Die bekannten Gesichter der Shrinkflation sind Milka, Dr. Oetker und Granini. Diese Fälle wurden zuletzt oft beschrieben. Was kaum jemand weiß: Die Verbraucherzentrale Hamburg dokumentiert fortlaufend neue Fälle. Monat für Monat erscheint eine Mogelpackung des Monats. Die Liste wächst. Und die Begründungen der Hersteller werden dünner.

Im Jahr 2025 kamen 77 neue Produkte auf die Mogelpackungsliste der Verbraucherzentrale Hamburg – 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Die durchschnittliche versteckte Preiserhöhung lag bei 28,4 Prozent. Die offizielle Lebensmittelinflation betrug im gleichen Zeitraum 2,1 Prozent. Die Schere zwischen dem, was Hersteller offiziell kommunizieren, und dem, was im Regal tatsächlich passiert, war selten größer.

Marabou: Kakaopreis gefallen – Tafel trotzdem kleiner

Die frischeste Fallstudie ist die Marabou Mjölkchoklad von Mondelez, Mogelpackung des Monats im März 2026. Die Schokoladentafel enthält nur noch 170 statt 220 Gramm – bei einem unveränderten Preis von 4,99 Euro.

Der Kilopreis stieg von 22,68 auf 29,35 Euro – ein Aufschlag von 29 Prozent.

Mondelez begründet den Schritt mit hohen Produktionskosten für Kakao, Energie, Verpackung und Transport. Die Verbraucherzentrale Hamburg widerspricht dem direkt: Der Preis für Kakao ist im betreffenden Zeitraum um rund 80 Prozent gefallen. Das Kostenargument greift damit nicht – zumindest nicht für die wichtigste Zutat.

Es ist nicht das erste Mal, dass Mondelez auf der Mogelpackungsliste erscheint. Bereits 2024 war die Marabou-Tafel das erste Mal verkleinert worden. Seitdem ist der Kilopreis laut Verbraucherzentrale Hamburg um rund 84 Prozent gestiegen. Wer die Marabou einmal pro Woche kauft, bekommt heute pro Jahr 2,6 Kilogramm weniger Schokolade für dasselbe Geld – zum alten Kilopreis entspräche das einem Wert von rund 59 Euro.

Mars Minis: Die achte Reduktion in 16 Jahren

Ein noch extremerer Fall ist die Entwicklung der Mars Minis. Die Tüte enthält nur noch 227 statt 275 Gramm – bei einem gleichbleibenden Preis von meist 3,99 Euro.

Der Kilopreis stieg von 14,51 auf 17,58 Euro – ein Aufschlag von 21 Prozent.

Was diesen Fall besonders macht: Es ist die achte Füllmengenreduktion bei diesem Produkt seit 2009. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat alle acht Versionen dokumentiert. Kein anderes Produkt auf der gesamten Mogelpackungsliste wurde so häufig verkleinert. Der kumulierte Preisanstieg über den gesamten Zeitraum liegt bei mindestens 121 Prozent. 2009 kostete die 250-Gramm-Tüte 1,99 Euro – der Kilopreis betrug 7,96 Euro. Heute liegt er bei 17,58 Euro.

Mars spricht von einem Füllmengenkarussell: Mal wächst die Packung, mal schrumpft sie. Der Grundpreis steigt dabei fast immer.

Flippies: Günstigere Rohstoffe, höherer Preis

Die Funny Frisch Erdnuss Flippies von Intersnack sind die Mogelpackung des Monats Juli 2025. Die Tüte schrumpfte von 200 auf 175 Gramm, der Preis stieg gleichzeitig von 2,19 auf 2,29 Euro.

Der Kilopreis stieg von 10,95 auf 13,09 Euro – ein Aufschlag von 20 Prozent.

Auch hier widerspricht die Verbraucherzentrale Hamburg der Hersteller-Begründung direkt: Die Preise für Mais und Erdnüsse – die wichtigsten Zutaten – sind in den vergangenen Jahren gesunken, nicht gestiegen.

Und auch hier lohnt sich der Blick auf die Langzeitentwicklung. Vor Mai 2021 enthielt eine Tüte Flippies noch 250 Gramm zum Preis von 1,99 Euro. Seitdem wurde zweimal verkleinert und der Preis zweimal erhöht. Kumuliert sind die Flippies seit 2021 um rund 64 Prozent teurer geworden – bei günstigeren Rohstoffen.

Somat und Seeberger: Shrinkflation ohne Lebensmittel

Shrinkflation beschränkt sich nicht auf Schokolade und Snacks. Somat All in 1 Extra Tabs (Henkel) enthielten ab Oktober 2025 nur noch 58 statt 63 Spülgänge pro XXL-Packung – bei unverändertem Preis. Auf der Vorderseite prangt weiterhin das Wort XXL, nur in anderer Schriftfarbe. Das entspricht rund 9 Prozent mehr Kosten pro Spülgang.

Bei Seeberger Soft-Aprikosen wurde die 200-Gramm-Packung aus dem Sortiment genommen und durch eine 140-Gramm-Packung zum gleichen Preis von 4,99 Euro ersetzt.

Der Kilopreis stieg von 24,95 auf 35,64 Euro – ein Aufschlag von 43 Prozent.

Seeberger verweist auf eine Kältewelle in der Türkei im April 2025, die zu massiven Ernteausfällen bei Aprikosen geführt habe. Das ist nachvollziehbar – aber die neue Packung wurde als neues Produkt mit neuer Artikelnummer eingeführt, ohne Hinweis auf den Preisanstieg.

Was alle Fälle gemeinsam haben

Die Begründungen der Hersteller folgen einem Muster: gestiegene Rohstoffkosten, Energie, Lieferketten. Im Fall Marabou greift das Kakao-Argument nicht, weil der Kakaopreis gefallen ist. Im Fall Flippies greift das Rohstoff-Argument nicht, weil Mais und Erdnüsse günstiger wurden. Im Fall Mars gibt es gar keine belastbare Erklärung mehr – nach der achten Reduktion in 16 Jahren verliert jedes Kostenargument seine Glaubwürdigkeit.

In Frankreich müssen Händler seit dem 1. Juli 2024 für zwei Monate am Regal auf Mengenreduktionen hinweisen. In Brasilien muss der Hinweis direkt auf der Verpackung stehen. In Deutschland gibt es keine solche Pflicht.

Analyse: Shrinkflation als Dauerstrategie

Das eigentlich Bemerkenswerte an den neuen Fällen ist nicht die Preiserhöhung an sich – sondern die Systematik dahinter. Mondelez hat mit Milka, Marabou und weiteren Produkten mehrfach hintereinander verkleinert. Mars tut es seit 16 Jahren. Intersnack seit mindestens 2021. Die Unternehmen haben aus Shrinkflation kein Ausnahme-Instrument in schwierigen Zeiten gemacht, sondern ein dauerhaftes Werkzeug zur Margensteuerung.

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat auf ihrer Mogelpackungsliste inzwischen rund 1.000 Einträge gesammelt. Rückgängig gemacht wurde kaum einer. Das zeigt: Wer einmal verkleinert, verkleinert wieder. Der Verbraucher zahlt jedes Mal – sofern er der Marke treu bleibt.

Solange in Deutschland keine Kennzeichnungspflicht gilt, schützt Verbraucher nur der Grundpreisvergleich am Regal – und der Blick auf die Gramm-Angabe, nicht auf die Packungsgröße.

Verwendete Quellen

  • Eigene Berechnung: Kilopreisvergleich alt/neu. Rechenweg: Preis ÷ Gramm × 1.000 = €/kg (April 2026)
  • Verbraucherzentrale Hamburg, Mogelpackung des Monats
  • Verbraucherzentrale Hamburg, Jahresstatistik 2025: 77 neue Mogelpackungen, Ø +28,4%
  • Studie Lebensmittelklarheit, November 2024, Universität Göttingen im Auftrag des vzbv
  • forsa-Befragung im Auftrag des vzbv, Dezember 2025
  • Statistisches Bundesamt (Destatis), Verbraucherpreise Nahrungsmittel 2025