Milch, Brot, Nudeln, Äpfel: Vier Produkte. Vier Händler. Und eine politische Debatte, die jeden Wocheneinkauf betrifft. Die Koalition diskutiert die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel. supermarkt-nachrichten.de hat nachgerechnet, was das an der Kasse wirklich bedeutet – und wo die Entlastung versickern könnte. Eine Analyse.
Wie viel Mehrwertsteuer steckt überhaupt im Warenkorb?
Für Milch, Brot, Obst und Nudeln gilt in Deutschland der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent. Nicht 19 Prozent, sondern 7 – das vergessen viele, wenn über die Reform diskutiert wird.
supermarkt-nachrichten.de hat einen Standardwarenkorb mit vier Produkten recherchiert: 1 Liter Vollmilch, 500 Gramm Spaghetti, 500 Gramm Toastbrot, 1 Kilogramm Äpfel, jeweils Eigenmarke ohne Sonderangebot. Das Ergebnis nach Händler:
- Aldi: 3,88 Euro gesamt – enthaltene Mehrwertsteuer (7%): 25 Cent
- Lidl: 4,02 Euro gesamt – enthaltene Mehrwertsteuer (7%): 26 Cent
- Rewe: 4,96 Euro gesamt – enthaltene Mehrwertsteuer (7%): 33 Cent
- Edeka: 5,66 Euro gesamt – enthaltene Mehrwertsteuer (7%): 37 Cent
Dieser Warenkorb aus vier Produkten kostet bei Aldi 1,78 Euro weniger als bei Edeka. Die Steuer macht davon zwischen 25 und 37 Cent aus – je nachdem, wo man kauft.

Was das für den Monat bedeutet
Ein Rechenbeispiel für eine vierköpfige Familie: Wer monatlich rund 300 Euro für steuerermäßigte Grundnahrungsmittel ausgibt, zahlt davon knapp 20 Euro als Mehrwertsteuer.
supermarkt-nachrichten.de hat nachgerechnet: 300 Euro ÷ 1,07 × 0,07 = 19,63 Euro pro Monat. Aufs Jahr: 235 Euro.
Das ist der theoretische Maximaleffekt einer Abschaffung auf null Prozent – wenn jeder Cent weitergegeben wird. Ob das passiert, ist die eigentliche Frage.
Wie weit ist die Politik?
Die Debatte hat in den letzten Wochen Fahrt aufgenommen. Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) erklärte, er könne sich eine Nullsteuer auf Grundnahrungsmittel in einem Gesamtpaket vorstellen. Ein Flügel der SPD fordert sie bereits ohne Vorbedingungen. Hintergrund ist die Inflationsrate von 2,7 Prozent im März 2026 laut Destatis – und Lebensmittelpreise, die seit 2020 um mehr als 30 Prozent gestiegen sind.
Das Problem: Experten schätzen den jährlichen Steuerausfall auf 4 bis 6 Milliarden Euro. Das Finanzministerium mahnt zur Vorsicht. Eine Taskforce soll bis Ende des zweiten Quartals 2026 eine Empfehlung vorlegen.
Was Spanien zeigt – und was es nicht zeigt
Spanien gilt als Referenz. Seit Januar 2023 liegt der Mehrwertsteuersatz für viele Grundnahrungsmittel dort bei null Prozent. Die Preise sanken – aber nicht überall, nicht sofort, und nicht vollständig. Einzelne Handelsketten nutzten den Spielraum für Margenpflege statt Preissenkung.
Das ist das Risiko des deutschen Modells. Ohne gesetzliche Weitergabepflicht entscheidet jeder Händler selbst. Wer an der Kasse kauft, hat keinen Anspruch auf exakt 7 Prozent weniger.

Wer bekommt die Ersparnis wirklich?
Als die Gastronomie-Mehrwertsteuer zum 1. Januar 2026 dauerhaft auf 7 Prozent gesenkt wurde, entschied jeder Betrieb selbst: Preise senken, Marge verbessern oder beides anteilig.
Im Lebensmittelhandel ist der Wettbewerb zwischen Aldi, Lidl, Rewe und Edeka intensiv – das spricht für Weitergabe. Verbraucherschützer fordern dennoch eine unabhängige Beobachtungsstelle, die Preisbewegungen nach einer Steuersenkung kontrolliert.
Welche Sortimente profitieren – und welche nicht?
Klare Gewinner bei 0 Prozent: frisches Obst und Gemüse, Milch und Milchprodukte, Brot, Teigwaren, Eier. Genau die Produkte, bei denen Discounter ohnehin mit Preisführerschaft arbeiten.
Nicht betroffen: verarbeitete Lebensmittel, die bereits 19 Prozent tragen, und Getränke außer Milch. Wein, Saft, Softdrinks – weiterhin voll besteuert.
Was auf Verbraucher zukommt
Die mögliche Jahresersparnis von 235 Euro klingt nach viel. Sie ist es auch. Aber nur dann, wenn Aldi, Lidl, Rewe und Edeka jeden Cent tatsächlich weitergeben. Die Gastronomie hat gezeigt: Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Verwendete Quellen
- Eigene Preisrecherche und Berechnung: Warenkorb (Milch, Nudeln, Toastbrot, Äpfel) für Aldi, Lidl, Rewe und Edeka, April 2026
- Statistisches Bundesamt (Destatis): Inflationsrate März 2026, https://www.destatis.de
- ad-hoc-news.de: Taskforce und Steuerausfall-Schätzung
- wirtschaftsticker.com: Spahn-Zitat und Koalitionsdebatte
- Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv): Lebensmittelpreise seit 2020
- mehrwertsteuerrechner.de: Spanien Nullsteuersatz, EU-Richtlinie 2022/542
