Die Regale bei Aldi, Rewe und Edeka sehen normal aus. Brot kostet noch dasselbe wie letzte Woche. Frisches Gemüse liegt in den gewohnten Körben. Doch hinter dieser scheinbaren Ruhe läuft eine Kettenreaktion, die seit dem 28. Februar in Gang ist und den Verbraucher erst in einigen Monaten mit voller Wucht treffen wird.
Der Iran-Krieg macht Energie teuer, Dünger knapper und den Frühjahrsacker zum Problem. supermarkt-nachrichten.de hat die Wirkungskette analysiert.
Warum sieht das Supermarktregal noch normal aus?
Das liegt an einem schlichten Prinzip: Preisschocks brauchen Zeit, bis sie am Regal ankommen. Die Lieferverträge zwischen Herstellern und Handelsketten laufen in der Regel über Wochen und Monate.
Handelsexperte Boris Hedde, Geschäftsführer des Handelsforschungsinstituts IFH Köln, sagte der Heilbronner Stimme: Die Beschaffungswege seien kosten- und energieintensiv. Nach dem Ukraine-Krieg 2022 seien die gestiegenen Kosten auch erst mit Wochen Abstand bei den Verbrauchern angekommen.
Wie groß ist der Ölpreisschock wirklich?
Die Zahlen sind eindeutig. Am 27. Februar 2026, einen Tag vor Kriegsbeginn, kostete ein Barrel Rohöl der Sorte Brent 72 US-Dollar. Stand 30. März notiert Brent bei rund 107 bis 109 US-Dollar – ein Plus von rund 50 Prozent in gut einem Monat. Zwischenzeitlich, Anfang März, lag der Preis kurzzeitig bei 120 US-Dollar.
Die Investmentbank Goldman Sachs bezeichnete den Ölangebotsausfall als den größten in der Geschichte der globalen Energiemärkte – größer als das arabische Embargo 1973, größer als die Invasion Kuwaits 1990.
Was kostet der Iran-Krieg den Haushalt an der Tankstelle?
An der Zapfsäule schlägt der Schock bereits durch. Laut ADAC erreichte Diesel am 23. März 2026 mit 2,310 Euro pro Liter seinen Jahreshöchststand – nur noch 1,1 Cent unter dem Allzeithoch vom März 2022. Stand 30. März liegt der bundesweite Tagesdurchschnitt laut benzinpreis-aktuell.de bei rund 2,28 Euro pro Liter – eine leichte Entspannung gegenüber dem Wochenhoch, aber noch immer 55 Cent über dem Vorkriegsniveau.
Benzin verteuerte sich um mehr als 30 Cent pro Liter.
Eine eigene Berechnung von supermarkt-nachrichten.de: Wer monatlich 150 Liter tankt, zahlt durch den Kriegsaufschlag rund 82 Euro mehr pro Monat. Aufs Jahr hochgerechnet sind das fast 1.000 Euro zusätzlich allein für Sprit.
Wie kommt der Ölpreis auf den Ladentisch?
Es gibt zwei Wege, auf denen der Ölpreisschock die Lebensmittelpreise trifft. Der erste ist direkt: Transport.
Ein Lebensmittel-Lkw verbraucht auf 100 Kilometern rund 35 Liter Diesel. Bei einem Preisanstieg von 55 Cent pro Liter bedeutet das fast 20 Euro Mehrkosten je 100 Kilometer. Diese Kosten werden auf Lieferpreise umgelegt, die Hersteller geben sie weiter.
Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) erklärte in einer Verbandsstellungnahme: Steigende Ölpreise verteuerten Diesel und insbesondere die Logistik. Viele Produktionsprozesse wie Trocknen oder Backen seien auf Erdgas angewiesen.
Warum ist der Dünger die eigentliche Zeitbombe?
Der zweite Weg ist indirekter und gefährlicher. Der Persische Golf ist nicht nur eine Ölroute, sondern auch die wichtigste Drehscheibe der globalen Stickstoffdünger-Versorgung.
Laut dem Welternährungsprogramm (WFP) liefen über die Straße von Hormus vor dem Krieg mehr als 30 Prozent des weltweiten Stickstoffdünger-Exports. Die Golfstaaten stellen nach Angaben des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO rund 40 Prozent des globalen Handels mit Stickstoffdünger, Ammoniak und Schwefel.
Seit dem 28. Februar stecken Hunderttausende Tonnen Düngemittelfracht in blockierten Tankerrouten fest. Michael Berlemann, wissenschaftlicher Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), erklärte bei ZDFheute: Wenn fast eine Million Tonnen Düngemittelfracht feststeckten und Bauern nicht mehr ausreichend düngen könnten, kämen die Auswirkungen bei den Verbrauchern an – nämlich erst dann, wenn die schlechter ausgefallene Ernte auf den Markt komme.
Was kostet Dünger aktuell für deutsche Landwirte?
Landwirte, die jetzt im März Dünger kaufen müssen, zahlen 20 bis 30 Prozent mehr als vor dem Krieg. Bauernpräsident Joachim Rukwied sagte gegenüber der dpa: Diesel und Dünger schössen genau jetzt, zur Frühjahrsbestellung, nach oben.
Eine eigene Berechnung von supermarkt-nachrichten.de auf Basis von Verbandsangaben: Von März bis Juni benötigen Landwirte rund ein Drittel ihres Jahresverbrauchs an Diesel. Bei einem Plus von 55 Cent pro Liter und einem Jahresverbrauch von 15.000 Litern auf einem mittelgroßen Betrieb entstehen in diesem Quartal Mehrkosten von rund 2.750 Euro gegenüber dem Niveau vor Kriegsbeginn.
Andreas Köhr vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd sagte gegenüber t-online: Von diesen Erhöhungen sei schon in der Vergangenheit kaum etwas bei den Landwirten angekommen. Während sich die Verbraucherpreise erhöht hätten, hätten sich die Erzeugerpreise kaum verändert.
Welche Lebensmittel werden zuerst teurer?
Handelsexperte Carsten Kortum vom IFH Köln nannte gegenüber der Heilbronner Stimme die kritischsten Kategorien: Backwaren, Milchprodukte sowie verarbeitete Lebensmittel wie Tiefkühlkost. Kortum hält es zudem für möglich, dass die Inflationsrate durch die Sperrung der Straße von Hormus wieder auf drei bis vier Prozent steigen könnte.
Getreide, Weizen, Mais und Ölsaaten stehen ebenfalls unter Druck. IfW-Ökonom Mahlkow warnte in der FAZ: Bei einer monatelangen Blockade wären strukturelle Verwerfungen auf den Agrarmärkten zu befürchten, mit spürbaren Folgen für die Verbraucherpreise. Stabilisiere sich die Lage schnell, sei nur ein vorübergehender Preisschub zu erwarten.
Was bedeutet das für die Inflation im Supermarkt?
Im Januar 2026 lag die Inflationsrate noch unter zwei Prozent. Die Bundesbank warnte zuletzt, der Irankrieg treibe die Inflation in Richtung drei Prozent.
Das wäre keine Kleinigkeit. Lebensmittel kosten in Deutschland bereits 36 Prozent mehr als 2020. Eine neue Inflationswelle trifft auf ein Niveau, das für viele Haushalte kaum noch Spielraum lässt: 45 Prozent der Verbraucher müssen sich laut einer forsa-Umfrage im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv, November 2025) schon heute beim Lebensmitteleinkauf einschränken.
Eine eigene Hochrechnung von supermarkt-nachrichten.de: Wenn die Lebensmittelpreisinflation von zwei auf vier Prozent steigt, zahlt eine vierköpfige Familie mit 750 Euro monatlichen Lebensmittelausgaben rund 180 Euro mehr pro Jahr. Ein Zwei-Personen-Haushalt (450 Euro/Monat) trägt rund 108 Euro zusätzlich jährlich.
Wie verändert sich die Lage an der Straße von Hormus?
Die Meerenge ist für westliche Schifffahrt weiterhin faktisch gesperrt – aber der Iran hat das Modell geändert. Seit Mitte März existiert ein Mautsystem: Schiffe, die als nicht-feindlich eingestuft werden, dürfen gegen eine Gebühr von bis zu zwei Millionen US-Dollar pro Durchfahrt einen kontrollierten Korridor nahe der Insel Larak nutzen.
Tracking-Daten zeigen seit dem 15. März praktisch null Passagen auf der bisherigen Standardroute. Bis Ende März passierten laut der Schiffsverfolgungsplattform MarineTraffic nur neun Frachter – fast ausschließlich Schiffe aus Ländern, die Iran nicht als Feinde zählt. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) erklärte: Die Bedingungen seien unklar und intransparent. Deutsche Reeder lehnen das Maut-System ab.
Was plant die Bundesregierung dagegen?
Am 27. März tagte die Koalitions-Taskforce zu den Iran-Kriegsfolgen zum dritten Mal, diesmal mit Schwerpunkt Lebensmittelpreise. Co-Chef Sepp Müller (CDU) sagte laut dpa im Anschluss: Die Auswirkungen bei den Lebensmittelpreisen seien kurzfristig nicht spürbar. Das sei auch von eingeladenen Experten so eingeschätzt worden.
Unionsfraktionschef Jens Spahn sagte der Welt am Sonntag: In einem Gesamtpaket könne er sich gut vorstellen, die Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel auf null zu senken. Bundeskanzler Friedrich Merz schloss eine Senkung in einer Bundestagsrede am 26. März ebenfalls nicht aus.
Konkrete Beschlüsse gibt es noch nicht. Müller nannte gegenüber der dpa den 10. April als Termin für Prüfergebnisse. Passiert ist bislang nur ein Spritpaket, das der Bundestag am 26. März beschloss.
Wie stark der Schock im deutschen Supermarkthandel die Kalkulation der vier großen Ketten verschiebt, die rund 87 Prozent des deutschen Lebensmittelmarkts kontrollieren, bleibt intransparent. Ihre Margen sind nicht öffentlich.
Wann kommt der Iran-Schock wirklich im Regal an?
Das hängt von einem einzigen Faktor ab: wie lange die Straße von Hormus de facto gesperrt bleibt. Einen Monat nach Kriegsbeginn ist das Ende nicht absehbar.
Das Szenario, das Ökonomen fürchten, ist nicht der sofortige Preisschock im Regal, sondern das verzögerte Echo. Die Frühjahrsbestellung läuft gerade. Wenn der Dünger fehlt oder zu teuer wird, sinken die Ernteerträge im Sommer. Im Herbst kommen die Rechnungen auch an der Supermarktkasse an.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) beziffert den Schaden für die deutsche Volkswirtschaft auf 40 Milliarden Euro bis Ende 2027, wie Direktor Michael Hüther bei ZDFheute erläuterte. Wie viel davon die Verbraucher tragen, wird der Sommer zeigen.
Verwendete Quellen
- Eigene Berechnungen von supermarkt-nachrichten.de (Tankkosten-Aufschlag Haushalt, Dieselmehrkosten Landwirtschaft, Lebensmittelpreis-Hochrechnung)
- ADAC, Spritpreisauswertung März 2026
- benzinpreis-aktuell.de, Dieselpreis Tagesdurchschnitt 30.03.2026
- ZDFheute, Wirtschaftliche Folgen des Iran-Krieges, 19.03.2026
- ZDFheute, Diesel überschreitet 2-Euro-Marke, 04.03.2026
- t-online, Supermarkt-Preise steigen durch Iran-Krieg, 28.03.2026
- Wirtschaftsticker, Lebensmittelpreise durch Iran-Krieg, 04.03.2026
- Kurierverlag, Düngemittelkrise durch Iran-Krieg
- Handelsblatt, Bundesregierung Mehrwertsteuer, 27.03.2026
- WiWo, Deutsche Reeder lehnen Iran-Maut ab, 29.03.2026
- Business Insider Deutschland, Iran-Maut Straße von Hormus
- forsa / vzbv, Verbraucherbefragung November 2025
- wallstreet-online, Brent Ölpreis aktuell 30.03.2026
