2 Milliarden Euro Verlust jährlich: Was der Supermarkt täglich in den Müll wirft

14. April 2026

Von: Dirk Veit

Ein Müllcontainer vor einem Supermarkt
Täglich landen in deutschen Supermärkten und Discountern rund 800 Tonnen noch genießbare Lebensmittel im Müll. (Symbolbild / KI generiert)

Täglich landen in deutschen Supermärkten und Discountern rund 800 Tonnen noch genießbare Lebensmittel im Müll. Das ist keine Schätzung, das sind amtliche Zahlen des Bundesministeriums für Landwirtschaft. Brot, Obst, Gemüse, Molkereiprodukte: Der Lebensmitteleinzelhandel entsorgt jährlich 290.000 Tonnen Lebensmittelabfälle. Der Handel weiß das. Er hat sogar versprochen, es zu ändern. Nur: verpflichtet hat sich niemand zu irgendetwas.

supermarkt-nachrichten.de hat die Zahlen analysiert und verglichen, was Frankreich seit 2016 besser macht.

Eine Analyse.

Wie viel schmeißen Supermärkte wirklich weg?

Die amtliche Zahl stammt vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Im Jahr 2022 entstanden in Deutschland insgesamt 10,8 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle entlang der gesamten Versorgungskette.

Ein häufiges Missverständnis dabei: Der Supermarkt ist nicht der Hauptschuldige. 58 Prozent aller Lebensmittelabfälle entstehen in privaten Haushalten. Das sind 6,3 Millionen Tonnen, 74,5 Kilogramm pro Kopf und Jahr.

Aber der Handel ist auch kein Unschuldslamm.

Der klassische Lebensmitteleinzelhandel, also Supermärkte, Discounter und Verbrauchermärkte, entsorgt laut dem aktuellen Bericht nach EU-Vorgaben jährlich rund 290.000 Tonnen Lebensmittelabfälle. Dazu kommen weitere 210.000 Tonnen aus Drogeriemärkten, Bäckereien, Getränkehandel und anderen Einzelhändlern.

Eine eigene Berechnung zeigt das Ausmaß

290.000 Tonnen durch 365 Tage: Das sind knapp 800 Tonnen täglich, die im deutschen Lebensmittelhandel entsorgt werden.

Der Schaden für die Branche: Die Unternehmensberatung EY beziffert den Gesamtverlust des deutschen Handels durch Lebensmittelverschwendung auf über 2 Milliarden Euro pro Jahr.

Lebensmittelverschwendung in deutschen Supermärkten ist ein echtes Problem
Lebensmittelverschwendung in deutschen Supermärkten ist ein echtes Problem (Symbolbild / KI generiert)

Welche Supermarkt-Ware landet im Müll, welche nicht?

Nicht alle Produkte sind gleich betroffen. Die Zahlen zeigen deutliche Unterschiede je nach Warengruppe.

Besonders schlimm trifft es frische, verderbliche Ware. Laut dem amtlichen Bericht werden wertmäßig rund 6 Prozent des Brotes im Handel entsorgt, 4,3 Prozent von Obst und Gemüse. Tiefkühlkost und Getränke kommen dagegen auf gerade einmal 0,3 Prozent.

Warum der Supermarkt mehr wegwirft als nötig

Die Verbraucherzentrale nennt die häufigsten Ursachen: Überbestellungen wegen falscher Wetterprognosen, zum Beispiel schönes Grillwochenende geplant und dann kam Regen. Dazu Kühlkettenunterbrechungen und Fehlkalkulationen nach Feiertagen. Und: Händler nehmen Lebensmittel oft bis zu einer Woche vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus dem Regal, obwohl sie noch einwandfrei sind.

Das MHD ist kein Verfallsdatum. Es ist eine Qualitätsgarantie des Herstellers. Joghurt, Käse oder Brot sind nach Ablauf des MHD in der Regel noch problemlos genießbar. Trotzdem landet die Ware im Container.

Rund 30 Prozent der Abschreibungen gehen laut Verbraucherzentrale an karitative Einrichtungen wie die Tafeln. Der Rest: Entsorgung. Oft unbrauchbar gemacht.

Eine Frau beim Einkauf im Supermarkt
Eine Frau beim Einkauf im Supermarkt (Symbolfoto/Nano Banana Pro).

Was machen die deutschen Handelsketten konkret gegen Lebensmittelverschwendung?

Rewe gibt laut eigenen Angaben nicht verkaufte Lebensmittel an die Tafel und setzt auf KI-gestützte Bestellsysteme, um Überbestellungen zu reduzieren. Aldi setzt ebenfalls auf Spendenkooperationen. Lidl und Kaufland haben sich dem Pakt gegen Lebensmittelverschwendung angeschlossen.

Das klingt nach mehr als es ist. Denn alle diese Maßnahmen sind freiwillig, nicht messbar und unterliegen keiner unabhängigen Kontrolle. Wie viele Tonnen tatsächlich pro Kette entsorgt werden, ist keine öffentlich zugängliche Information. Die Transparenz gegenüber Verbrauchern endet an der Lagerrampe.

Was macht Frankreich anders?

Frankreich hat das Problem 2016 mit einem Gesetz gelöst, das international als Vorbild gilt.

Das Loi Garot verpflichtet seit Februar 2016 alle Supermärkte mit einer Verkaufsfläche von mindestens 400 Quadratmetern dazu, unverkaufte, aber noch genießbare Lebensmittel zu spenden. Hauptempfänger: Tafeln und andere gemeinnützige Organisationen. Erlaubt ist auch die Weitergabe als Tierfutter oder Kompost.

Wer sich nicht daran hält, zahlt: Bis zu 3.750 Euro pro Vergehen drohen, oder bis zu 0,1 Prozent des Jahresumsatzes. Gleichzeitig gibt es einen Steueranreiz: Unternehmen können 60 Prozent des Warenwerts gespendeter Lebensmittel von der Steuer absetzen.

Das Ergebnis: In den ersten zwei Jahren stiegen die Lebensmittelspenden an die französischen Tafeln um 22 Prozent. Zwischen 2016 und 2019 sogar um 39 Prozent. Allein Carrefour, das ein Fünftel des französischen Marktes abdeckt, spendete 2020 rund 30.000 Tonnen Lebensmittel. Das entspricht der gesamten Spendemenge der britischen Lebensmittelbranche im selben Jahr.

Dem Beispiel gefolgt sind seitdem unter anderem Italien, Tschechien und Peru. In Tschechien sind die Strafen sogar noch höher als in Frankreich.

Was macht Deutschland beim Thema Lebensmittelverschwendung stattdessen?

Deutschland setzt auf Freiwilligkeit. Das ist das Problem.

Im Sommer 2023 unterzeichneten 14 Groß- und Einzelhändler gemeinsam mit dem Bundesernährungsministerium den Pakt gegen Lebensmittelverschwendung. Aldi, Lidl, Rewe, Edeka und Co. verpflichten sich darin zu bestimmten Maßnahmen, darunter die Weitergabe nicht verkaufter Lebensmittel an Tafeln bei mindestens 90 Prozent ihrer Standorte.

Klingt gut. Aber: Es gibt keine Sanktionen bei Verstößen.

Das Bündnis Lebensmittelrettung, dem unter anderem der WWF und die Deutsche Umwelthilfe angehören, bezeichnet die Selbstverpflichtung deshalb als stumpfes Schwert ohne rechtliche Sanktionsmöglichkeiten. Deutschland hat sich zwar im Rahmen der UN-Nachhaltigkeitsziele verpflichtet, die Lebensmittelabfälle bis 2030 zu halbieren. Ein verbindliches Gesetz wie in Frankreich gibt es trotzdem nicht.

Das Bundesverfassungsgericht hat 2020 bestätigt: Containern, also das Retten weggeworfener Lebensmittel aus Supermarktcontainern, bleibt strafbar. Essen wegzuwerfen ist legal. Essen zu retten ist illegal. Diese Logik ist schwer zu erklären.

Wie realistisch ist das 2030-Ziel?

Das 2030-Ziel lautet: Halbierung der Lebensmittelabfälle. Von 10,8 Millionen Tonnen auf rund 5,4 Millionen Tonnen.

Für den Handel bedeutet das: von 290.000 Tonnen auf rund 145.000 Tonnen. Eine Reduktion um knapp 800 Tonnen täglich auf rund 400 Tonnen.

Freiwillig ist das kaum zu schaffen. In Frankreich hat der gesetzliche Druck die Spenden in drei Jahren um 39 Prozent gesteigert. In Deutschland stagniert die freiwillige Selbstverpflichtung, weil kein Druck dahinter steckt. Wer wegwirft, zahlt nichts. Wer spendet, bekommt keine Steuererleichterung.

Solange sich das nicht ändert, bleibt das 2030-Ziel das, was es heute schon ist: ein guter Vorsatz.

Verwendete Quellen

  • Eigene Berechnungen von supermarkt-nachrichten.de (290.000 Tonnen / 365 Tage; Halbierungsziel 2030)
  • Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMLEH): Lebensmittelabfälle in Deutschland, Zahlen nach Sektoren (Stand 2022, veröffentlicht Februar 2026)
  • Verbraucherzentrale: Lebensmitteleinzelhandel: Vom krummen Obst und Gemüse bis zum MHD
  • EY: Handel: Lebensmittelverschwendung vermeiden
  • BUND: Lebensmittelverschwendung: Deutschland braucht bessere Gesetze
  • Bethmann Bank: Lebensmittelrettung à la française