Am Eingang des Kaufland in Mosbach steht kein Einkaufswagen. Hier steht eine schallisolierte Kabine mit Videobildschirm. Drinnen gibt es Arztberatung, draußen Käse.
Was wie ein Kuriosum klingt, ist der Anfang einer Verschiebung im deutschen Gesundheitssystem. Kaufland, dm und Lidl greifen in ein Segment vor, das bislang Apotheken gehörte. Und das ausgerechnet dann, wenn das deutsche Apothekennetz so schnell schrumpft wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
supermarkt-nachrichten.de hat die Zahlen analysiert.
Was hat Kaufland in Mosbach tatsächlich eröffnet?
Seit November 2025 betreibt Kaufland in Mosbach im Neckar-Odenwald-Kreis den ersten Supermarkt mit integrierter Telemedizin-Praxis in Deutschland. Der „S Medical Room“ umfasst 54 Quadratmeter und ist schall- sowie blickgeschützt. Patienten buchen Termine per Smartphone oder über ein Tablet vor Ort.
Medizinische Fachangestellte messen Blutdruck und fertigen EKGs an. Ein Arzt des Medizinischen Versorgungszentrums am Stiftsberg in Neckarsulm schaltet sich per Video zu.

„Neupatienten erhalten keine Medikamente gegen hohen Blutdruck und kein Antibiotikum gegen einen starken Infekt“, betont Jonas Ehmig, Co-Geschäftsführer des Medical Rooms. „Dafür braucht es den direkten Kontakt.“
Inzwischen gibt es einen zweiten Standort in Bad Rappenau. Ob weitere folgen, ließ Kaufland offen. „Wenn der Pilot erfolgreich wird, sind wir offen dafür, das Konzept bundesweit an weiteren Standorten zu integrieren“, sagt René Wolf, Leiter Vermietung bei Kaufland.
Was planen dm, Lidl und Rossmann beim Thema Medikamente?
Neben Kauflands Telemedizin-Experiment baut dm seit Ende 2025 eine eigene Versandapotheke auf. Der Drogeriemarkt gründete dafür eine Apotheke im Ausland. Das Fremdbesitzverbot in Deutschland verbietet es Unternehmen, die keine Apotheker sind, Apotheken zu betreiben. dm umgeht diese Regelung über den Auslandsweg.
Im Sortiment: rezeptfreie, aber bislang apothekenpflichtige Medikamente sowie apothekenexklusive Kosmetik. „Es geht uns nicht darum, mit Apotheken zu konkurrieren“, erklärte dm-Geschäftsführer Christoph Werner, „sondern darum, das Gesundheitssystem in Deutschland zuverlässiger zu machen.“
Auch Lidl und Rossmann bereiten sich laut Handelsblatt auf den Verkauf von rezeptfreien Medikamenten vor. In Tschechien verkauft Rossmann bereits Produkte, die in Deutschland apothekenpflichtig sind.
Wie viele Apotheken schließen gerade in Deutschland?
supermarkt-nachrichten.de hat nachgerechnet.
Ende 2025 gab es laut ABDA bundesweit 16.601 Apotheken. Das sind 440 weniger als Ende 2024. Im Jahr 2025 schlossen 502 Apotheken. Nur 62 wurden neu eröffnet. Das Netto-Minus: 8,1 Schließungen pro Neueröffnung.
Seit 2013 hat jede fünfte Apotheke geschlossen (minus 19,7 Prozent). Die Betriebskosten stiegen in diesem Zeitraum um 65 Prozent. Das Fixhonorar wurde seit 2013 genau einmal erhöht: um 3,1 Prozent im selben Jahr.
Der aktuelle Stand entspricht dem niedrigsten Wert seit fast 50 Jahren. 1977 gab es in Ost- und Westdeutschland zusammen 16.374 Apotheken.
Was bedeutet das für die Versorgung in der Fläche?
In Nordrhein-Westfalen ist der Effekt bereits messbar. Laut einer Studie des Instituts für Handelsforschung Köln, veröffentlicht im Februar 2026, gibt es dort mittlerweile 48 Kommunen mit nur noch einer einzigen Apotheke. Vor zehn Jahren waren es 27.
Auf dem Land bedeutet das: Wer nachts krank wird, fährt weiter. Wer kein Auto hat, wartet.
Wie schnell schrumpft das Apothekennetz bis 2030?
Eine eigene Berechnung zeigt: Wenn die Netto-Schließungsrate konstant bei 440 pro Jahr bleibt, gibt es Ende 2030 in Deutschland nur noch rund 14.401 Apotheken. Das entspricht einem weiteren Rückgang von 13,3 Prozent gegenüber dem Stand von Ende 2025.
Zum Vergleich: Kaufland betreibt in Deutschland über 790 Filialen, Lidl über 3.200, dm rund 2.100 und Rossmann rund 2.200. Zusammen kämen diese vier Ketten auf über 8.290 potenzielle Abgabepunkte für OTC-Medikamente. Das entspricht mehr als der Hälfte aller noch bestehenden Apotheken.

Der entscheidende Unterschied: Discounter und Drogerien greifen ausschließlich das rezeptfreie Sortiment an. Laut Frank Eickmann, stellvertretender Geschäftsführer des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg, generieren Apotheken mehr als 80 Prozent ihres Umsatzes durch den Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten.
Das bedeutet: Der Handel übernimmt weniger als 20 Prozent des Apothekenmarkts. Aber er übernimmt genau den Teil, über den Kunden kommen. Wer seine Paracetamol bei dm kauft, löst sein Rezept womöglich online ein.
Wie reagieren die Apotheken auf den Wettbewerb?
Mit Protest. Am 23. März 2026 streikten bundesweit Apotheken. ABDA-Präsident Thomas Preis sprach von „chronischer Unterfinanzierung“. Die Forderung: Das Fixhonorar soll auf 9,50 Euro je Packung steigen, in ländlichen Regionen auf bis zu 11,50 Euro.
Im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist diese Erhöhung grundsätzlich vorgesehen. Die konkrete Umsetzung steht noch aus.
Die Apotheken sitzen in einer Zwickmühle. Das Rx-Honorar stagniert. Das OTC-Geschäft fließt zum Handel ab. Und die Betriebskosten steigen weiter.
Wie bewerten Experten das Kaufland-Modell?
Die Ärztezeitung bezeichnete die Telemedizin-Praxis im Supermarkt als nützliche Alternative zu Arztterminen. Der Ansatz folge dem gleichen Grundgedanken, den auch die ABDA verfolge: Gesundheitsversorgung auf breitere Beine zu stellen.
Kritiker warnen vor fehlender Beratung. Ohne geschultes Personal steige das Risiko falscher Dosierung oder unerkannter Wechselwirkungen.
Mosbach ist ein Paradebeispiel für den Hausarztmangel auf dem Land. Wer dort einen Termin beim Hausarzt sucht, wartet oft Monate. Das Pilotprojekt schließt eine echte Lücke. Ob das Modell skaliert, ist noch offen.
Verwendete Quellen
- Eigene Berechnungen von supermarkt-nachrichten.de (Hochrechnung Apothekenrückgang bis 2030; Vergleich OTC-Abgabepunkte Handel vs. Apotheken)
- ABDA, Pressemitteilung 13. Januar 2026: Apothekenzahl sinkt auf 16.601 Betriebsstätten
- Apotheken Umschau, Februar 2026: Was das Apothekensterben mit der Arzneimittelversorgung machen könnte
- IFH Köln, Studie NRW Apothekenversorgung (Februar 2026), zitiert nach Apotheken Umschau
- Kaufland / Sana MVZ, Pressemitteilung November 2025
- watson.de, Dezember 2025: Medizin im Supermarkt
- Euronews DE, März 2026: Apothekensterben nimmt zu
- Frank Eickmann, Landesapothekerverband BW, zitiert via SWR/watson.de
