Der Islam ist die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft in Deutschland. Rund 5,5 Millionen Menschen muslimischen Glaubens leben hier – und etwa 70 Prozent von ihnen halten sich laut einer repräsentativen Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge an die islamischen Speise- und Getränkevorschriften. Trotzdem suchen sie halal-zertifizierte Lebensmittel in deutschen Supermärkten oft vergeblich. supermarkt-nachrichten.de hat nachgerechnet, was das für den Handel bedeutet.
Was bedeutet Halal – und wer kauft es überhaupt?
Halal bedeutet auf Arabisch schlicht „erlaubt“. Im Lebensmittelkontext umfasst das vor allem Fleisch und Fleischprodukte, die nach islamischen Vorschriften geschlachtet und verarbeitet wurden, sowie alle Produkte, die keine verbotenen Zutaten wie Schweinefleisch oder Alkohol enthalten. Praktisch betrifft das einen weiten Teil des Supermarktsortiments: Wurst, Fertiggerichte, Backwaren, Süßwaren mit Gelatine, Saucen mit Weinanteil.
In Deutschland leben laut BMI 5,5 Millionen Muslime, davon rund 2,5 Millionen mit türkischen Wurzeln. Etwa 70 Prozent halten sich nach dieser Studie an Speise- und Getränkevorschriften des Islam. Das sind fast vier Millionen Menschen, die beim Einkauf auf Halal-Konformität achten – oder es zumindest versuchen.
Das durchschnittliche muslimische Haushalt in Deutschland besteht laut Deutscher Islam Konferenz aus 3,6 Personen – deutlich mehr als der gesamtdeutsche Schnitt von 2,0 Personen. Der Ramadan – 2026 begann er am 19. Februar und endete am 19. März – bringt jedes Jahr einen messbaren Nachfrageschub für Datteln, Fladenbrot und Hülsenfrüchte. Einzelne Filialen fahren dafür Sonderflächen hoch, ohne das Sortiment das restliche Jahr zu pflegen.
Was bieten Aldi, Lidl, Rewe und Edeka tatsächlich an?
Die kurze Antwort: wenig, und das uneinheitlich. Aldi, Rewe, Lidl, Penny und Edeka bieten halal-zertifizierte Produkte wie Süßwaren, Käse, Backwaren sowie vereinzelt Fleisch und Wurst an – jedoch nur an ausgewählten Standorten, nicht flächendeckend. Die Supermarktketten Tegut und Globus bieten laut eigenen Angaben keine Halal-Produkte an.
Aldi Süd testete Sucuk, die halal-konforme Knoblauchwurst türkischer Art, in einzelnen Regionalgesellschaften. Edeka führt in manchen Filialen in städtischen Gebieten ein kleines Halal-Fleischsortiment – die Verfügbarkeit schwankt je nach Einzugsgebiet. Ein bundesweit einheitliches Halal-Regal gibt es bei keiner Kette.
Das Kernsortiment bleibt überall dasselbe: Standard-Wurst ohne Zertifizierung, Fertiggerichte mit Alkohol in der Soße, Süßwaren mit Schweinegelatine. Wer konsequent halal einkaufen will, weicht auf türkische Supermärkte und Spezialhändler aus. Dort ist die Infrastruktur seit Jahrzehnten etabliert.
Zur Information: Ein im Frühjahr 2025 auf TikTok viral gegangenes Gerücht, wonach ein Gesetz alle Supermärkte ab August 2025 zur Einrichtung von Halal-Abteilungen verpflichte, wurde vom Faktencheck-Netzwerk CORRECTIV als frei erfunden eingestuft. Rewe, Lidl und das Bundesministerium für Ernährung bestätigten: Eine gesetzliche Pflicht gibt es nicht und ist nicht geplant.
Eigene Berechnung: Welches Marktpotenzial der Handel ignoriert
supermarkt-nachrichten.de hat das theoretische Marktpotenzial auf Basis öffentlicher Daten berechnet.
Ausgangslage: 5,5 Millionen Muslime in Deutschland, organisiert in rund 1,53 Millionen Haushalten (bei durchschnittlich 3,6 Personen). Davon halten sich laut BAMF-Studie rund 70 Prozent an Speisevorschriften – das ergibt etwa 1,07 Millionen aktive Halal-Haushalte.
Die jährlichen Ausgaben für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke lagen laut Destatis zuletzt bei rund 4.800 Euro pro Haushalt.
Eigene Berechnung: 1,07 Millionen Halal-Haushalte × 4.800 Euro = rund 5,1 Milliarden Euro jährliche Lebensmittelausgaben dieser Zielgruppe. Davon entfällt ein erheblicher Teil auf Kategorien, bei denen Halal-Zertifizierung relevant ist: Fleisch, Wurst, Fertiggerichte, Backwaren und Süßwaren mit Gelatine. Rechnet man konservativ mit 60 Prozent dieser Ausgaben, ergibt sich ein Halal-sensitiver Markt von rund 3,1 Milliarden Euro.
Diese Zahl deckt sich grob mit dem Wert von etwa 5 Milliarden Euro, den die Branchenplattform HalalCheck für den deutschen Halal-Gesamtmarkt ausweist. Einen erheblichen Teil davon macht nicht der deutsche Großhandel, sondern der türkische und arabische Spezialhandel.
Warum hält sich der deutsche Lebensmittelhandel zurück?
Die Gründe sind vielschichtig. Erstens fehlt ein einheitliches, EU-rechtlich geschütztes Halal-Siegel. In Deutschland agieren mehrere muslimische Zertifizierer mit unterschiedlichen Standards – das erschwert eine klare Kommunikation für Hersteller und Händler.
Zweitens scheut ein Teil der Händler die Reaktion nicht-muslimischer Kunden. Einzelne Marktleiter berichten von negativen Rückmeldungen, wenn sie versuchsweise Halal-Produkte listen. Edeka-Kaufmann Stefan Grubendorfer brachte es gegenüber der Lebensmittelpraxis auf den Punkt: Wer so reagiere, gehöre ohnehin nicht zur eigenen Kundschaft.
Drittens ist die türkische Parallelinfrastruktur gut ausgebaut. Muslimische Verbraucher, insbesondere türkischstämmige, können ihren Bedarf über ein dichtes Netz türkischer Supermärkte decken. Der Druck auf die großen Ketten ist dadurch gering.
Was Frankreich anders macht
Ein Blick nach Frankreich zeigt, wie es anders gehen kann. Mit einer muslimischen Bevölkerung ähnlicher Größe hat sich dort ein breites Halal-Segment in den großen Supermärkten etabliert. Carrefour, Leclerc und Intermarché führen eigene Halal-Produktlinien, oft gut sichtbar im Kühlregal platziert. In Deutschland hingegen bleibt das Imageproblem laut Derya Altay, Chefin des Bundesverbands des Türkischen Groß- und Einzelhandels, ein zentraler Hemmfaktor.
Analyse: Ein Imageproblem mit Milliardenfolgen
Der deutsche Lebensmittelhandel bedient eine Zielgruppe von knapp vier Millionen halal-orientierten Käufern mit einem Marktpotenzial von über drei Milliarden Euro in Schlüsselkategorien – und tut das flächendeckend kaum. Stattdessen bleibt dieser Umsatz im Spezialhandel und zunehmend im Online-Handel.
Das ist keine religiöse Frage und auch keine politische. Es ist eine Marktfrage. Ob Aldi oder Rewe für Bio, Laktosefrei oder Glutenfrei speziell zertifizierte Produkte ins Regal stellen – das entscheiden sie nach Umsatzdaten, nicht nach Weltanschauung. Bei Halal gilt dasselbe Prinzip, aber andere Entscheidungslogiken.
Dabei zeigt die eigene Berechnung: Der Verzicht kostet. Rund 3,1 Milliarden Euro jährliche Kaufkraft in Halal-sensitiven Kategorien fließen nicht in die Regalkassen von Aldi oder Rewe, sondern in Parallelstrukturen. Wer diese Käufer gewinnen will, muss sich entscheiden – nicht aus Überzeugung, sondern aus Marktkalkül. Der Rest Europas hat diese Entscheidung längst getroffen.
Verwendete Quellen
- Eigene Berechnungen: Halal-Marktpotenzial auf Basis öffentlicher Daten (April 2026). Rechenweg: Muslime in Deutschland ÷ Haushaltsgröße × Halal-Quote × jährl. Lebensmittelausgaben pro Haushalt
- BAMF / Deutsche Islam Konferenz: „Muslimisches Leben in Deutschland 2020″ (MLD2020)
- Deutsche Islam Konferenz: Daten und Fakten über den Islam in Deutschland
- Lebensmittelpraxis: „Halal und der Lebensmittelhandel – ein schwieriges Thema?“, Oktober 2023
- CORRECTIV Faktencheck: „Erfundenes Gesetz: Supermärkte müssen keine Halal-Abteilungen einrichten“
- Destatis: Laufende Ausgaben privater Haushalte für Nahrungsmittel, Einkommens- und Verbrauchsstichprobe
- HalalCheck: Halal-Markt in Deutschland
