Deutschland schwitzt – und stürmt die Märkte. Die Hitzewellen des Sommers 2026 treiben die Menschen in die Elektro- und Baumärkte.
Die Zahlen sind gewaltig: Bei OTTO vervierfacht sich der Ventilator-Absatz. Die Branche meldet ein Umsatzplus von über 130 Prozent. Und die Discounter? Verkaufen ihre Aktionsware schneller, als sie nachliefern können.
Doch es gibt einen Haken. Die Geräte, zu denen die meisten greifen, sind ausgerechnet jene, von denen Umweltbundesamt und Fachverband abraten: mobile Klimageräte.
supermarkt-nachrichten.de hat bei Handel, Herstellern, Verbänden und Behörden nachgefragt und die Antworten eingeordnet.
Wie stark ist der Absatz von Ventilatoren und Klimageräten 2026 gestiegen?
Die Zahlen, die uns exklusiv vorliegen, sind eindeutig: Es geht steil nach oben.
OTTO wertete auf Anfrage den Juni 2026 aus. Das Ergebnis laut Konzernsprecher Frank Surholt: Der Absatz von Ventilatoren stieg gegenüber Juni 2025 um rund 308 Prozent – eine Vervierfachung. Bei Klimaanlagen lag das Plus bei rund 250 Prozent.
Schon jetzt habe der Händler mehr als doppelt so viele Ventilatoren und Klimaanlagen verkauft wie im gesamten Jahr 2025.
Auch die Suche im Shop explodiert: In der Woche vom 22. bis 28. Juni schnellten die Suchanfragen in dieser Produktgruppe laut OTTO um rund 1.000 Prozent gegenüber der Vorwoche nach oben. „Klimagerät“ und „Ventilator“ zählen derzeit zu den meistgesuchten Begriffen im Shop.
Was sagen die Branchenzahlen zum Klimageräte-Markt?
Den Gesamtmarkt beziffert die GfU Consumer & Home Electronics, die die Elektronikbranche vertritt, auf Basis von Daten des Marktforschungsunternehmens NielsenIQ, kurz NIQ. NIQ erhebt weltweit Abverkaufsdaten aus dem Handel.
Für mobile Klimageräte meldet die GfU im ersten Halbjahr 2026 (Januar bis Juni): plus 130 Prozent beim Absatz, plus 134 Prozent beim Umsatz gegenüber dem Vorjahr.
Carine Chardon, Geschäftsführerin der GfU, ordnet die Dynamik so ein: „Der deutsche Markt für mobile Klimageräte und Ventilatoren zeigte im ersten Halbjahr 2026 mit einem Umsatzplus von 134 Prozent eine enorme Dynamik, wobei sich der Nachfrageboom durch die extreme Hitze in diesem Jahr bereits im Mai ungewöhnlich früh eingestellt hat.“
Bemerkenswert ist die Saisonalität: Fast 90 Prozent des Jahresumsatzes dieses Segments entfallen laut Chardon auf nur drei Monate. Für Industrie und Handel bedeutet das eine große logistische Herausforderung bei der Lagerhaltung.
Für Ventilatoren erhebt NIQ in Deutschland bislang keine eigenen Zahlen. In Ländern wie Großbritannien und Frankreich beobachteten die Marktforscher während der Hitzeperioden aber ein starkes Wachstum.
Wie reagieren Aldi, Lidl und die Baumärkte auf den Ansturm?
Der Boom zieht sich durch alle Vertriebskanäle – vom Discounter bis zum Baumarkt.
Lidl hatte Ventilatoren und mobile Klimageräte in über 3.250 Filialen sowie im Onlineshop als Aktionsware. Die Nachfrage sei sehr hoch gewesen und habe noch über dem Vorjahresniveau gelegen, teilt die Pressestelle mit. Der Grund: Der Werbetermin fiel mit der Hitzewelle zusammen. Weitere Verkaufsaktionen bei Kühlgeräten sind für die restlichen Sommerwochen nicht geplant.
Aldi Süd führte gleich mehrere saisonale Artikel: am 3. Juni ein mobiles Klimagerät, am 13. Juli einen Teleskopventilator und am 20. Juli einen 360-Grad-Tischventilator. Zu Preisen und zur Sortimentsgestaltung äußert sich der Discounter aus Wettbewerbsgründen nicht.
Bei den Baumärkten zeigt sich die Kehrseite des Ansturms: die Knappheit. Der Baumarktkonzern Hornbach teilt mit, dass wegen der Hitzewellen derzeit nur vereinzelt Ventilatoren in begrenzter Auswahl in den Märkten verfügbar sind. Mobile Klimageräte sind aktuell gar nicht erhältlich – einen Liefertermin für Nachschub kann das Unternehmen nicht nennen.
Obi spürt bei überdurchschnittlich hohen Temperaturen ebenfalls eine erhöhte Nachfrage und verweist auf sein breites Sortiment, das über den Marktplatz um Partnerangebote ergänzt wird.
Warum raten Fachleute ausgerechnet von mobilen Klimageräten ab?
Und jetzt kommt der Widerspruch. Denn die meistverkauften Geräte sind aus Sicht der Fachleute die schlechteste Wahl.
Das Umweltbundesamt (UBA) stuft mobile Klimageräte auf Anfrage als deutlich weniger energieeffizient und weniger effektiv ein als fest installierte Monosplit-Geräte. Der Grund liegt in der Bauweise: Die Wärmeübertrager fallen kompakt und damit klein aus, was die Effizienz mindert.
Hinzu kommt ein Konstruktionsproblem der gängigen Einschlauchgeräte. Ihr Abluftschlauch muss durch ein offenes Fenster nach draußen geführt werden. Durch dieselbe Öffnung strömt sofort wieder heiße Luft von außen nach. Die Kühlwirkung bleibt so begrenzt.
Der Stromhunger ist der eigentliche Knackpunkt. Ventilatoren haben laut UBA eine 20- bis 50-mal kleinere Leistungsaufnahme als Klimageräte – sie kühlen zwar nicht die Luft, erhöhen aber über den Luftzug die Verdunstung auf der Haut und verbrauchen dabei nur einen Bruchteil des Stroms.
Was empfehlen Umweltbundesamt und Fachverband stattdessen?
Bevor überhaupt ein Gerät läuft, setzt das UBA auf Vorbeugung. Außenliegender Sonnenschutz wie Rollläden soll verhindern, dass sich Innenräume aufheizen. Für Mieter gibt es inzwischen außenliegende Klemm-Rollos, die sich ohne Bohrung anbringen lassen.
Dazu rät die Behörde zum Querlüften in den kühlen Nacht- und Morgenstunden. Halten die hohen Raumtemperaturen an, seien bauliche Maßnahmen wie bessere Dämmung oder neue Fenster sinnvoll.
Ist ein Gerät nötig, empfiehlt das UBA ein fest installiertes Split-Klimagerät mit hoher Energieeffizienz (A++ oder A+++) und dem klimafreundlicheren Kältemittel Propan (R-290).
Ähnlich sieht es der Fachverband Gebäude-Klima (FGK). Wo immer möglich, rät der Verband zu einem Split- oder – in größeren Gebäuden – VRF-Gerät statt zur mobilen Variante. Mobile Geräte könnten sich in Effizienz, Leistung und Raumkomfort nicht mit fest installierten Anlagen messen. In manchen Fällen seien sie aber die einzige Option, etwa wenn Vermieter keine Wanddurchbrüche erlauben.
Wie entwickelt sich der Markt für fest installierte Anlagen?
Der Trend zur festen Klimatechnik läuft parallel zum mobilen Boom – nur langfristiger.
Der Absatz von Raumklimageräten (Luft-Luft-Wärmepumpen) in Deutschland stieg laut FGK von rund 260.000 Geräten 2023 auf etwa 280.000 im Jahr 2024 und rund 320.000 im Jahr 2025. Für 2026 nennt der Verband keine konkrete Zahl, erwartet aber, dass sich das Wachstum fortsetzt.
Treiber sei nicht allein die sommerliche Hitze. Die Geräte kühlen im Sommer, entfeuchten bei schwül-heißem Wetter und heizen im Winter effizient. Wie hoch der Anteil mobiler Geräte am Gesamtmarkt ist, dazu liegen dem Verband allerdings keine Zahlen vor.
Was bedeutet der Boom für den Rest des Sommers?
Die Richtung ist klar. Solange die Temperaturen hoch bleiben und Ware verfügbar ist, dürfte der Ansturm anhalten – Chardon rechnet mit einem temperaturgesteuerten Kaufverhalten auch in den kommenden Wochen.
Für Verbraucher bleibt der Zielkonflikt bestehen. Das schnell verfügbare Plug-and-play-Gerät für die akute Hitze ist genau das, was Fachleute für die ineffizienteste Lösung halten. Wer kurzfristig zum billigen Einschlauchgerät greift, kauft laut den Fachleuten Kühlung zu hohem Strompreis und mit begrenzter Wirkung. Mehr zu den Preis- und Sortimentsstrategien im Handel gibt es fortlaufend im Ressort Supermarkt.
Verwendete Quellen
- Eigene Recherche und Presseanfragen von supermarkt-nachrichten.de
- Presseauskunft der OTTO GmbH & Co. KGaA (Frank Surholt, Corporate Communication), Juli 2026
- Presseauskunft der GfU Consumer & Home Electronics GmbH mit Marktdaten der NIQ und Statement von Carine Chardon, Juli 2026
- Presseauskunft der Lidl Dienstleistung GmbH & Co. KG, Juli 2026
- Presseauskunft der Unternehmensgruppe Aldi Süd, Juli 2026
- Presseauskunft der Obi GmbH & Co. Deutschland KG, Juli 2026
- Presseauskunft der Hornbach Baumarkt AG, Juli 2026
- Presseauskunft des Umweltbundesamtes (UBA), Juli 2026
- Fachverband Gebäude-Klima e. V. (FGK): „Marktzahlen zur Nachfrage nach Kühlgeräten“, Juli 2026
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