Rindertalg: Vier Experten prüfen den Hype – und raten geschlossen ab

22. Juli 2026

Von: Dirk Veit

Rindertalg
Rindertalg (KI-generiertes Symbolbild)

In den sozialen Medien gilt Rindertalg als Rückkehr zum Natürlichen: gesünder als Pflanzenöl, ideal zum Braten, sogar als Hautpflege gefeiert.

supermarkt-nachrichten.de hat nachgefragt – bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, beim Bundeszentrum für Ernährung, bei der Deutschen Gesellschaft für Fettwissenschaft und bei einem Dermatologen.

Das Ergebnis ist ungewöhnlich eindeutig: Vom Rindertalg-Hype halten die Fachleute wenig – in Küche wie Kosmetik.

Was sagen die Experten zum Rindertalg-Trend?

Vier Fachstimmen, ein Tenor. Weder in der Ernährung noch beim Braten noch auf der Haut können die befragten Institutionen einen belegten Vorteil des Talgs erkennen.

Rindertalg ist ausgelassenes Rinderfett. Zu einem großen Teil besteht es aus gesättigten Fettsäuren – und genau daran entzündet sich die Kritik.

„Rindertalg ist ein Fett tierischen Ursprungs, das einen hohen Anteil – fast die Hälfte – gesättigter Fettsäuren aufweist“, erklärt Philine Lenz vom Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) auf Anfrage.

Ist Rindertalg gesünder als Pflanzenöl?

Hier fällt die Antwort klar aus. Einen gesundheitlichen Vorsprung des Talgs sieht keine der befragten Ernährungsinstitutionen.

„Es gibt nach der von der DGE bewerteten Evidenz keinen Beleg dafür, dass Rindertalg pflanzlichen Ölen gesundheitlich überlegen ist“, teilt Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) mit.

Die DGE empfiehlt das Gegenteil dessen, was der Trend verspricht. Gesättigte Fettsäuren sollten teilweise durch mehrfach ungesättigte aus pflanzlichen Ölen, Fisch und Nüssen ersetzt werden – „da hierfür gesundheitliche Vorteile belegt sind“.

Auch das BZfE verweist auf die Fettsäurezusammensetzung. „Aufgrund der Fettsäurezusammensetzung von Rindertalg eignet sich dieser nicht als gesündere Alternative“, so Lenz. „Hier gilt die Empfehlung der DGE: Pflanzliche Öle bevorzugen.“

Ein striktes Verbot ist das nicht. „Kleine Mengen an Rindertalg können Teil einer ausgewogenen Ernährung sein“, stellt Restemeyer klar. „Als bevorzugte Fettquelle würde man es aber nicht empfehlen.“

Wurde gesättigtes Fett zu Unrecht verteufelt?

Ein zentrales Argument der Trend-Anhänger lautet: Gesättigte Fette seien lange grundlos verurteilt worden. An dieser These ist etwas dran – aber nicht so viel, wie oft behauptet.

„Insgesamt ist die wissenschaftliche Bewertung heute differenzierter“, räumt die DGE ein. Früher habe der Fokus stärker auf der Begrenzung der Fettmenge insgesamt gelegen, heute stärker auf der Qualität der Fette.

Aus der Differenzierung wird aber kein Freibrief. „Gesättigte Fettsäuren werden nicht pauschal als schlecht bezeichnet, ihre Aufnahme sollte aber weiterhin begrenzt werden“, so Restemeyer – denn eine hohe Zufuhr erhöht das LDL-Cholesterin.

Konkret nennt die DGE eine Obergrenze: Gesättigte Fettsäuren sollten maximal zehn Prozent der täglichen Energie ausmachen. Das Problem dabei: In Deutschland stammt schon jetzt ein großer Teil der Fettzufuhr aus Fleisch, Wurst und Milchprodukten – der Anteil gesättigter Fettsäuren ist also ohnehin oft hoch.

Taugt Rindertalg wirklich besser zum Braten?

Das stärkste Argument des Trends ist die Hitze. Talg sei stabiler als Pflanzenöl, heißt es. Die Deutsche Gesellschaft für Fettwissenschaft (DGF) hält das für zu grob gedacht.

„Grundsätzlich ist Rindertalg aufgrund seines vergleichsweise hohen Anteils an gesättigten Fettsäuren thermisch und oxidativ stabiler als Pflanzenöle mit einem hohen Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren“, erklärt DGF-Geschäftsführer Fabian Schmitt-Macheledt. „Die pauschale Aussage, Talg sei stabiler als Pflanzenöle, greift jedoch zu kurz.“

Der Grund: Es gibt Pflanzenöle, die genauso hitzestabil sind – aber besser für die Gesundheit. „Pflanzenöle mit einem hohen Ölsäuregehalt, beispielsweise High-Oleic-Sonnenblumenöl oder entsprechend gezüchtetes Rapsöl, weisen ebenfalls eine hohe Hitzestabilität auf“, so Schmitt-Macheledt. Zugleich führten sie zu einem günstigeren Fettsäuremuster als Talg.

Auch das oft genannte Rauchpunkt-Argument entkräftet die DGF. „Der Rauchpunkt allein erlaubt keine verlässliche Beurteilung der Qualität oder Hitzestabilität eines Fettes.“

Und das Kernversprechen des Trends? „Die Aussage ‚naturbelassen und damit besser‘ ist aus fettchemischer Sicht nicht haltbar“, stellt Schmitt-Macheledt fest. Entscheidend seien Fettsäurezusammensetzung, Herstellung, Qualität und Art der Erhitzung – nicht das Etikett „natürlich“.

Die Einordnung stützt sich nicht auf eine Einzelmeinung. In die Antwort flossen Rückmeldungen aus dem DGF-Expertenkreis ein, unter anderem von den Lebensmittelchemikern Dr. Bertrand Matthäus und Dr. Christian Gertz. Zum Braten und Frittieren empfiehlt die DGF raffinierte Öle mit hohem Anteil einfach ungesättigter Fettsäuren – bei Temperaturen zwischen 160 und 175 Grad, ohne 180 Grad zu überschreiten.

Ist Rindertalg als Hautpflege eine gute Idee?

Noch deutlicher fällt das Urteil zur zweiten Trend-Welle aus: Rindertalg im Gesicht. Auf eine Anfrage beim Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) antwortete der niedergelassene Dermatologe Dr. Jan-Olaf Piontek aus seiner fachlichen Expertise.

„Aus hautärztlicher Sicht sehe ich per se tierische Produkte auf der Haut angewandt kritisch“, so Piontek. „Es stellt sich die Frage, warum man Rindertalg im Gesicht oder auf der Haut anwenden sollte.“

Die Risiken überwiegen für ihn klar. Je nach Aufbereitung drohten allergische Reaktionen, aber auch schwerwiegende Infektionen: „Das Risiko ist groß. Vorteile sehe und kenne ich nicht.“

Sein Rat an Verbraucher ist unmissverständlich. „Sicherlich ist die Anwendung von Rindertalg ein ‚Trend‘, den man am besten verpassen sollte“, sagt Piontek. „Also besser: Finger weg und nicht kaufen.“

Damit deckt sich seine Einschätzung mit Warnungen aus der Fachpresse. Dermatologen hatten zuletzt vor tiefsitzenden, bakteriellen Hautentzündungen gewarnt, die auf den viralen Talg-Trend zurückgeführt werden.

Woher kommt der Rindertalg-Hype überhaupt?

Der Trend kommt, wie so oft, aus den USA. Die Handelskette Whole Foods führte Rindertalg unter dem Schlagwort „Tallow Takeover“ als Food-Trend – befeuert durch die Debatte um vermeintlich ungesunde Pflanzenöle.

Ganz neu ist die Idee nicht. McDonald’s frittierte seine Pommes jahrzehntelang in Rindertalg, bevor der Konzern auf Pflanzenöl umstieg.

Der aktuelle Hype ist damit weniger Entdeckung als Rückkehr – eine Reaktion auf das Misstrauen gegenüber industriell verarbeiteten Lebensmitteln. Dass ausgerechnet ein tierisches Fett zum Gesundheitsversprechen wird, ist der eigentliche Widerspruch des Trends.

Fazit: viel Marketing, wenig Beleg

Selten fällt das Urteil von Fachleuten so einhellig aus. Vier befragte Stellen, kein einziger belegter Vorteil.

In der Ernährung ist Rindertalg laut DGE und BZfE keine gesündere Wahl, sondern ein Fett, dessen Anteil man begrenzen sollte. Beim Braten ist er laut DGF nicht besser als moderne High-Oleic-Öle – nur schlechter im Fettsäureprofil.

Und auf der Haut? Rät der Dermatologe schlicht ab. Rindertalg ist damit weder das Gift, für das er lange galt, noch das Wundermittel, als das er nun verkauft wird. Der Rest ist Marketing.

Verwendete Quellen

  • Presseanfrage von supermarkt-nachrichten.de und schriftliche Antwort von Silke Restemeyer, Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)
  • Presseanfrage von supermarkt-nachrichten.de und schriftliche Antwort von Philine Lenz, Bundeszentrum für Ernährung (BZfE)
  • Presseanfrage von supermarkt-nachrichten.de und schriftliche Antwort von Fabian Schmitt-Macheledt, Deutsche Gesellschaft für Fettwissenschaft (DGF), inkl. Rückmeldungen von Dr. Bertrand Matthäus und Dr. Christian Gertz
  • Presseanfrage beim Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) und schriftliche Antwort von Dr. Jan-Olaf Piontek, niedergelassener Dermatologe (Mechernich)
  • DGE-Empfehlungen zu Fetten und Referenzwerte (dge.de)
  • Whole Foods Market: Food-Trend-Prognose „Tallow Takeover“
  • PTAheute und dermatologie-online.com: Warnungen zum Rindertalg-Hautpflege-Trend

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